Der Weg von Catania nach Randazzo dauert mit der Circumetnea, der schmalspurigen Bahn, die sich seit 1895 einmal um den ganzen Vulkan windet, knapp zwei Stunden – und schon nach der ersten halben Stunde verschwindet jede Spur von Kreuzfahrthafen, Pintxos-Bar und Instagram-Terrasse. Stattdessen: erstarrte Lavaströme, die wie schwarzes Leder über die Hänge gegossen wirken, dazwischen Rebzeilen in Reih und Glied, als hätte jemand Ordnung in ein Chaos aus Asche gebracht. Im September, wenn Taormina noch mit Sonnenschirmen und Tagesausflüglern kämpft, beginnt hier oben, auf achthundert bis über tausend Metern Höhe, längst die Weinlese.
Der Ätna ist kein Ort, den man an einem Tag abhakt. Wer das versucht, bekommt den Rifugio Sapienza auf der Südseite zu sehen, ein paar Souvenirstände und, wenn Glück herrscht, einen Blick in den Krater aus respektvoller Entfernung. Die Nordseite dagegen, zwischen Linguaglossa, Randazzo und Castiglione di Sicilia, ist eine andere Welt. Hier hat sich seit den frühen 2000er-Jahren eine Weinszene entwickelt, die inzwischen Sommeliers von Kopenhagen bis Tokio kennen, während die meisten Touristen, die über Catania einfliegen, nie davon hören.
Nerello Mascalese und der Geschmack von Lava
Die rote Rebsorte, um die sich hier alles dreht, heißt Nerello Mascalese. Für einen DOC Etna Rosso müssen mindestens achtzig Prozent davon im Wein stecken, ergänzt meist um etwas Nerello Cappuccio. Was den Ätna-Wein von anderen sizilianischen Roten unterscheidet, ist nicht die Traube allein, sondern der Boden darunter: vulkanisches Gestein unterschiedlichsten Alters, von Lavaflüssen aus dem neunzehnten Jahrhundert bis zu solchen, die erst 2002 über die Weinberge liefen. Winzer sprechen hier nicht von einem Weinberg, sondern von einer Contrada – einer eng umgrenzten Parzelle mit eigenem Namen, eigener Höhenlage, eigenem Mikroklima. Contrada Guardiola, Contrada Feudo di Mezzo, Contrada Calderara: jede schmeckt anders, und wer zwei Flaschen derselben Kellerei aus verschiedenen Contrade nebeneinander verkostet, versteht in fünf Minuten mehr über Terroir als in jedem Weinseminar.
Passopisciaro, das Dorf, das der bekanntesten Weinlage ihren Namen gab, ist im Grunde eine Ansammlung von Steinhäusern mit Blick auf den Krater. Hier hat der Römer Andrea Franchetti in den Neunzigerjahren mit seiner Tenuta Passopisciaro einen der ersten wirklich internationalen Ätna-Weine geschaffen; heute reihen sich rundherum Kellereien wie Girolamo Russo und I Vigneri von Salvo Foti, der noch immer nach den alberello-Methoden der Großväter erzieht – niedrige, freistehende Buschreben ohne Draht, wie man sie schon vor hundert Jahren an diesen Hängen fand. Wer im September durch die Weinberge oberhalb von Passopisciaro läuft, hört das trockene Rascheln der Trauben, die von Hand gepflückt werden, weil Maschinen auf diesen Terrassen ohnehin keinen Halt fänden.
Milo und die weiße Seite des Berges
Ganz anders liegt Milo, auf der Ostflanke, dem Meer zugewandt und feuchter als der Norden. Hier, und nur hier, darf laut Regelwerk der Etna Bianco Superiore wachsen, aus der weißen Rebsorte Carricante. Der Wein hat wenig gemein mit den öligen, warmen Weißen, die man sonst mit Süditalien verbindet – er ist schlank, mit einer mineralischen Säure, die an Chablis erinnert, nur mit einem Hauch Rauch im Nachklang, der eindeutig vom Vulkan stammt. Zafferana Etnea, ein Stück weiter südlich, dient als guter Stützpunkt für einen Tag, an dem man zwischen Kastanienwäldern, kleinen Pistazienbäumen und den letzten Feigen der Saison wandert, bevor am Abend ein Teller Pasta alla Norma mit Auberginen aus dem eigenen Garten auf den Tisch kommt.
Randazzo selbst verdient mehr als eine kurze Durchfahrt. Die Altstadt aus dunklem Lavagestein wurde im Zweiten Weltkrieg zu großen Teilen bombardiert – amerikanische Truppen hielten die Stadt fälschlich für einen strategischen Knotenpunkt –, und wer heute durch die Gassen geht, sieht an manchen Fassaden noch die Übergänge zwischen restauriertem Original und Nachkriegs-Wiederaufbau. Die Chiesa di Santa Maria mit ihrem schwarz-weißen Streifenmuster aus Lavastein und Kalkstein ist eines der wenigen Gebäude, das den Krieg fast unbeschadet überstand. Ein Cannolo in der Pasticceria Santo Musumeci am Hauptplatz kostet zwei Euro fünfzig und schlägt jede Touristenversion in Taormina um Längen – schon allein, weil die Ricotta noch am selben Morgen aus einer Schäferei bei Bronte kommt.
Wandern zwischen den Lavaströmen
Wer nicht nur verkosten, sondern auch laufen will, findet oberhalb von Linguaglossa die Piano Provenzana, Ausgangspunkt mehrerer markierter Wege durch die Pineta, den Kiefernwald, der die Nordflanke bis auf rund 1800 Meter bedeckt. Von dort führt ein Pfad zu den sogenannten Grotte di Scavo, Lavatunneln aus früheren Ausbrüchen, die man mit Stirnlampe und festem Schuhwerk in etwa vierzig Minuten durchqueren kann. Ein Guide ist nicht Pflicht, aber empfehlenswert: Der Ätna ist mit durchschnittlich mehreren kleineren Aktivitätsphasen pro Jahr einer der aktivsten Vulkane Europas, und lokale Bergführer wie jene der Guide Alpine Etna Nord wissen genau, welche Wege nach den jüngsten Bewegungen gesperrt sind.
Anders als im August, wenn die Mittagshitze jede Wanderung auf die frühen Morgenstunden zwingt, lässt sich im September tatsächlich über den Tag verteilt laufen. Die Temperaturen liegen tagsüber meist zwischen zweiundzwanzig und achtundzwanzig Grad, nachts kann es in den höheren Lagen bereits auf zwölf Grad fallen – ein Pullover gehört ins Gepäck, so unpassend das für Sizilien im September auch klingen mag. Genau dieser Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht, den Winzer hier escursione termica nennen, ist einer der Gründe, warum die Trauben am Ätna eine Frische behalten, die man weiter unten im flachen Catania-Umland vergeblich sucht.
Wo übernachten, wo nicht
Große Hotelketten haben die Nordseite bislang verschont, was Fluch und Segen zugleich ist. Wer sucht, findet Agriturismi mitten in den Weinbergen, oft direkt bei den Produzenten selbst – die Tenuta di Fessina in Rovittello etwa vermietet ein paar Zimmer über dem eigenen Keller, Frühstück inklusive Marmelade aus den ätna-eigenen Feigen. Wer stattdessen in Taormina bleibt und nur für einen Tagesausflug hochfährt, verpasst den eigentlichen Reiz: die Stille nach Sonnenuntergang, wenn kein Reisebus mehr die Serpentinen hochkommt und man vom Balkon aus die Lichter von Catania, manchmal sogar Kalabrien am Horizont sieht.
Auf eines sollte man sich einstellen: Restaurants schließen hier früh, viele Küchen um zweiundzwanzig Uhr, und ein spontanes Abendessen um dreiundzwanzig Uhr, wie es an der Küste selbstverständlich wäre, findet man in den Bergdörfern selten. Wer flexibel bleiben will, reserviert am besten vormittags telefonisch – Online-Buchungen funktionieren in den kleineren Orten oft schlicht nicht, weil viele Trattorien noch immer nur mit einem Notizbuch am Tresen arbeiten.
Anreise und praktische Hinweise
Der Flughafen Catania-Fontanarossa ist mit gut einer Stunde Fahrzeit der naheliegendste Ausgangspunkt. Ein Mietwagen ist auf der Nordseite praktisch unverzichtbar, da Busverbindungen zwischen den Weindörfern selten und unzuverlässig sind – rechnet man mit etwa dreißig bis vierzig Euro pro Tag für einen Kleinwagen in der Nebensaison. Alternativ verbindet die Circumetnea zumindest Catania mit Randazzo und weiter mit Riposto an der Ostküste, allerdings mit Fahrplänen, die eher für Pendler als für Touristen gedacht sind.
- Weinverkostungen bei kleineren Produzenten wie I Vigneri oder Girolamo Russo lassen sich meist mit einem kurzen Anruf oder einer E-Mail ein bis zwei Tage im Voraus vereinbaren, kosten zwischen fünfzehn und dreißig Euro pro Person
- Die Weinlese selbst beginnt in höheren Lagen oft schon Anfang September, in tieferen Contraden Ende des Monats – wer den Trauben beim Pflücken zusehen möchte, sollte direkt bei der Kellerei nachfragen, denn ein fester Kalender existiert nicht
- Feste Schuhe sind Pflicht, sobald man von der Straße abweicht – erstarrte Lava ist scharfkantig und zerschneidet normale Sneaker innerhalb weniger Stunden
- Bargeld einstecken: In vielen kleinen Bottegas und bei manchen Agriturismi funktioniert die Kartenzahlung nach wie vor unzuverlässig, und der nächste Geldautomat kann eine Ortschaft entfernt liegen
- Und dann sind da noch die kleinen Dinge, die man erst vor Ort merkt – Handyempfang, der auf halber Höhe zwischen den Weinbergen einfach aussetzt, oder Tankstellen, die sonntags geschlossen bleiben
Ganz frei von Tourismus ist auch die Nordseite nicht mehr – wer im Sommer 2024 oder 2025 schon einmal in Passopisciaro parkte, kennt die Wochenenden, an denen sich vor den bekanntesten Kellereien durchaus Schlangen bilden. Doch verglichen mit der Küste bleibt es ein Unterschied wie Tag und Nacht: statt Menschenmassen ein paar Dutzend Weinliebhaber, statt Selfie-Stangen Weinfässer aus Kastanienholz, statt Eintrittspreisen ein Winzer, der einem in gebrochenem Englisch erklärt, warum sein Grundstück auf neunhundert Metern anders schmeckt als das des Nachbarn dreihundert Meter weiter unten.
Wenn der Berg raucht
An klaren Tagen sieht man vom Weinberg aus die Rauchfahne über dem Gipfelkrater, manchmal begleitet von einem dumpfen Grollen, das durch den Boden mehr zu spüren als zu hören ist. Die meisten Einheimischen zucken dabei kaum mit der Wimper – der Ätna raucht praktisch immer ein bisschen, und ernsthafte Ausbrüche mit Evakuierungen sind seltener, als man angesichts der Schlagzeilen vermuten würde. Trotzdem lohnt vor der Reise ein kurzer Blick auf die aktuellen Meldungen des Osservatorio Etneo, das mehrmals täglich Updates veröffentlicht; wer eine der oberen Wanderrouten plant, sollte diese Seite ohnehin im Blick behalten, weil Wege je nach Aktivität kurzfristig gesperrt werden.
Was bleibt, wenn man die Serpentinen wieder hinunter nach Catania fährt, ist selten das große Panoramafoto vom Krater. Es ist eher der Geschmack von Rauch im Glas, der Blick auf schwarze Erde zwischen grünen Rebzeilen und die Erinnerung an ein Dorf, in dem der Bäcker um sechs Uhr morgens noch das Brot aus dem Holzofen holt, während zwei Straßen weiter jemand die ersten Kisten Trauben auf einen Traktoranhänger lädt.