Amrum

Amrum im September: Nordseewatt und Ruhe nach der Hauptsaison

Amrum im September: leere Strände, ruhige Wattwanderungen mit Führung und der Leuchtturm ohne Warteschlange – warum die Nebensaison die bessere Reisezeit ist.

Amrum im September: Nordseewatt und Ruhe nach der Hauptsaison

Am Fähranleger in Dagebüll ist es kurz vor neun, und es gibt tatsächlich freie Plätze in der Warteschlange. Im Juli hätte man hier eine Stunde vorher da sein müssen, um überhaupt noch aufs Auto-Deck zu kommen. An diesem Morgen Anfang September stehen vielleicht ein Dutzend Fahrzeuge auf dem Vorplatz, dazu ein paar Fahrradfahrer mit Anhängern und zwei Familien, deren Kinder offensichtlich noch nicht wieder in der Schule sein müssen. Die "Adler Cornelia" legt pünktlich ab, das Wattenmeer liegt still und braungrün unter einem Himmel, der sich alle zwanzig Minuten neu entscheidet, ob er blau oder grau sein will. An Deck riecht es nach Salz und kaltem Kaffee aus dem Bordkiosk, und jemand zeigt seinem Kind die ersten Seehunde auf einer Sandbank vor Föhr. Genau das ist der Punkt an Amrum im September: Man bekommt die Insel fast so, wie sie gemeint war, bevor Wellnesshotels und Strandkorbverleiher die Hauptsaison für sich beanspruchten.

Warum der September die klügere Amrum-Zeit ist

Ab Ende der ersten Septemberwoche beginnt auf der Insel etwas, das Einheimische gern die "zweite Saison" nennen. Die Familien mit schulpflichtigen Kindern sind weg, die Preise für Ferienwohnungen sinken um zwanzig bis dreißig Prozent gegenüber Juli und August, und der Kniepsand, Europas breitester Sandstrand, gehört wieder eher den Wattvögeln als den Liegestuhlreihen. Wer im September kommt, tauscht garantierte Bade-Temperaturen gegen etwas anderes: Licht, das flacher und goldener fällt, leere Wanderwege durch die Dünen zwischen Nebel und Norddorf, und Restaurants, in denen man ohne Reservierung noch einen Tisch bekommt. Das ist kein Kompromiss, sondern für viele der eigentliche Grund, im Herbst statt im Hochsommer zu fahren.

Ein Nebensatz zur Ehrlichkeit

Ganz ohne Einschränkung geht es allerdings nicht.

Die Wassertemperatur der Nordsee liegt im September meist noch bei angenehmen sechzehn bis achtzehn Grad, ein kurzes Bad ist also durchaus drin, aber die Zeiten für lange Strandtage mit Handtuch und Buch sind vorbei. Wer explizit wegen Sonnenbaden und Strandleben kommt, sollte im August bleiben. Wer aber Wattwanderungen, Wind im Gesicht und lange Spaziergänge sucht, ist im September klar im Vorteil, weil genau diese Aktivitäten bei kühlerer, bewegterer Luft ohnehin angenehmer sind als in der drückenden Mittagshitze des Hochsommers.

Die Fähre ab Dagebüll: Logistik, die man vorher klären sollte

Die Fähren der W.D.R. laufen ab Dagebüll mehrmals täglich Wittdün auf Amrum an, oft im Wechsel mit einem Zwischenstopp auf Föhr. Die Überfahrt dauert je nach Route zwischen 90 Minuten und gut zwei Stunden, was für Autoreisende relevant ist: Wer sein Fahrzeug mitnehmen will, sollte im September zwar keine stundenlange Wartezeit mehr fürchten, aber trotzdem mindestens einen Tag vorher online buchen, da die Kapazität pro Abfahrt begrenzt bleibt. Fußgänger und Radfahrer haben es einfacher und können in der Regel spontan an Bord gehen. Ein praktischer Tipp aus der Erfahrung mehrerer Septemberreisen: Wer ohne Auto anreist, spart sich nicht nur die Parkplatzsuche in Dagebüll, sondern auch Geld, denn die Insel selbst lässt sich mit dem Fahrrad oder zu Fuß bequem erschließen.

Wattwanderung mit Führung: Pflicht, kein Zusatzangebot

Wer das Watt vor Amrum betreten will, sollte das nicht auf eigene Faust tun. Die Gezeiten im Wattenmeer ändern sich schneller, als es aussieht, und ortsunkundige Wanderer haben sich hier schon in gefährliche Situationen manövriert. Ein Wattführer, wie ihn die Nationalpark-Ranger oder private Anbieter in Nebel und Norddorf mehrmals wöchentlich anbieten, kennt die sicheren Priele, erklärt die Wattwürmer, Herzmuscheln und Sandklaffmuscheln unter den Füßen der Gruppe und weiß genau, wann die Flut zurückkommt. Eine zwei- bis dreistündige Tour kostet meist zwischen zwölf und achtzehn Euro pro Person, buchbar direkt vor Ort oder über die Tourist-Information. Für September gilt: Die Touren finden weiterhin regelmäßig statt, aber deutlich kleinere Gruppen als im Sommer machen den Ausflug persönlicher. Man hört den Wind über dem Watt, sieht Austernfischer und Brandgänse, die sich auf den Winter vorbereiten, und bekommt vom Führer oft mehr Zeit für Fragen, weil niemand in der Gruppe drängelt. Festes Schuhwerk, das nass werden darf, ist Pflicht, ebenso ein Wechsel-Handtuch fürs Auto oder die Unterkunft danach.

Der Kniepsand: mehr Fläche, als man erwartet

Der Kniepsand liegt der Westküste Amrums als riesige, lose angelagerte Sandbank vor und misst bei Ebbe streckenweise über zwei Kilometer in der Breite. Im September wirkt er beinahe surreal leer: ein paar Kitesurfer, die den auffrischenden Herbstwind ausnutzen, vereinzelte Spaziergänger mit Hund, und dazwischen Kilometer von Sand, auf denen die eigenen Fußspuren die einzigen weit und breit sind. Von Norddorf aus erreicht man den Strand über Bohlenwege durch die Dünen in wenigen Minuten zu Fuß.

Nebel und Norddorf: Dörfer, die wieder ihnen selbst gehören

Nebel, mit seinen reetgedeckten Friesenhäusern und dem historischen Öömrang Hüs, ist im August ein Durchgangsort für Tagesausflügler vom Festland. Im September wird daraus wieder ein Dorf, in dem man morgens beim Bäcker tatsächlich ein Gespräch führen kann, ohne dass sich die Schlange dahinter staut. Norddorf, etwas ruhiger und näher am Kniepsand gelegen, punktet mit kleinen Cafés, die außerhalb der Hochsaison ihre Öffnungszeiten reduzieren, aber selten ganz schließen. Wichtig zu wissen: Ab Mitte September haben manche Restaurants nur noch mittags und abends geöffnet, mit Ruhetagen unter der Woche, die im Sommer nicht existieren. Ein Blick auf die aktuelle Website oder ein kurzer Anruf vor der Anreise erspart Enttäuschungen.

Der Leuchtturm von Amrum als Fixpunkt

Mit gut 63 Metern ist der Amrum-Leuchtturm bei Norddorf einer der höchsten an der deutschen Nordseeküste, und der Aufstieg über die enge Wendeltreppe lohnt sich im September besonders: klare Herbstluft nach einem Regenschauer liefert Sicht bis weit übers Watt zu den Nachbarinseln Föhr und Sylt. Der Eintritt kostet für Erwachsene rund sechs Euro, Kinder zahlen weniger, und die Öffnungszeiten verkürzen sich zum Herbst hin, sodass ein Blick auf die aktuellen Zeiten sich lohnt, bevor man den Fußweg durch die Dünen antritt.

Wetter und Packliste: Wind ist der eigentliche Charakterzug der Insel

Die Nordsee kennt im September keine verlässlichen Vorhersagen für mehr als zwei, drei Tage im Voraus. Ein sonniger Vormittag kann in einen Nachmittag mit Nieselregen und auffrischendem Westwind kippen, bevor am Abend wieder ein spektakulärer Sonnenuntergang über dem Kniepsand folgt. Wer das einplant statt dagegen anzukämpfen, verbringt die schönsten Tage der Reise oft genau in diesem Wechsel aus Wetterlagen. Auf die Packliste gehören:

  • Eine winddichte Jacke, idealerweise mit Kapuze – der Wind auf dem Deich ist stärker, als es von der Vorhersage her wirkt
  • Wasserdichte Wanderschuhe oder Gummistiefel für Wattwanderungen und Dünenpfade
  • Mehrere dünne Lagen statt einer dicken Jacke, da sich die Temperatur zwischen Sonnenschein und Wind stark unterscheidet
  • Ein Fahrrad-taugliches Regencape, falls man die Insel wie die meisten Amrum-Reisenden per Rad erkundet

Praktische Tipps für die Planung

Unterkünfte sollten trotz sinkender Nachfrage nicht erst kurzfristig gebucht werden, denn viele Vermieter schließen ihre Ferienwohnungen bereits im Oktober für die Wintersaison und nehmen im September die letzten Gäste des Jahres. Fahrräder gibt es in Wittdün, Nebel und Norddorf bei mehreren Verleihern ab etwa zehn Euro pro Tag, und wer länger als drei Tage bleibt, bekommt fast überall einen Wochenrabatt. Die Kurtaxe wird weiterhin fällig, ist aber im September oft an den touristischen Info-Stellen ohne Wartezeit zu entrichten. Und ein letzter Hinweis, der sich in der Praxis bewährt: Wer sein Reiseziel im September auf die Wattseite legt statt auf die Ostseite Richtung Wittdün, spart sich den größten Teil des ohnehin schon geringen Restverkehrs auf der Insel.

Amrum ist im September kein geheimer Ort mehr – dafür ist die Insel längst zu bekannt. Aber sie wird für ein paar Wochen wieder zu einem Ort, an dem der Wind lauter ist als die Menschen, und genau das macht für viele Reisende den entscheidenden Unterschied zum Rest des Jahres aus.