Azoren

Azoren im Hochsommer: Portugals grüne Vulkaninseln statt überfüllter Algarve

Während an der Algarve die Sonnenschirme dicht an dicht stehen, liegt mitten im Atlantik eine grüne Inselgruppe, auf der im August noch niemand um einen Liegestuhl kämpfen muss.

Azoren im Hochsommer: Portugals grüne Vulkaninseln statt überfüllter Algarve

Um sechs Uhr morgens hängt über der Lagoa das Sete Cidades noch dichter Nebel, und dann reißt er innerhalb weniger Minuten auf: Unten liegen zwei Seen nebeneinander, einer blau, einer grün, getrennt von einer schmalen Landbrücke, als hätte jemand zwei verschiedene Postkarten übereinandergelegt. Wer im August an der Algarve in der Schlange vor dem Strandkorbverleih steht, ahnt nicht, dass es auf portugiesischem Boden noch einen ganz anderen Sommer gibt. Die Azoren, neun Inseln mitten im Atlantik, auf halbem Weg zwischen Lissabon und New York, kennen weder Massentourismus noch Wassermangel noch Temperaturen über 30 Grad. Genau das macht sie 2026 zur klügeren Wahl für alle, die im Hochsommer reisen wollen, ohne sich die Ferien mit halb Europa zu teilen.

Warum jetzt die Azoren und nicht die Algarve

Auf São Miguel, der größten und meistbesuchten Insel, liegen die Tageshöchsttemperaturen im Juli und August meist zwischen 23 und 26 Grad. Das Meer ist mit rund 21 Grad kühler als das Mittelmeer, aber genau deshalb bleibt der Strand von Praia dos Moinhos auch an einem Augustsonntag angenehm leer. Sie müssen keine Liegestühle um sieben Uhr morgens reservieren, keine Handtuchschlacht am Pool gewinnen und keine Restaurantwarteschlange in der Mittagshitze aushalten. Die Inselgruppe hat insgesamt keine 250.000 Einwohner, verteilt auf neun Inseln, und selbst in der Hauptsaison bleibt das Verhältnis von Besuchern zu Fläche ein Bruchteil dessen, was Faro oder Split im selben Monat verkraften müssen. Der Preis dafür ist ein wechselhaftes Wetter, das sich innerhalb einer Stunde von Nebel zu Sonne zu Nieselregen dreht, und genau dieser Wechsel ist es, den viele Erstbesucher am Ende am meisten mögen. Selbst Flugpreise und Hotelraten ziehen im Hochsommer zwar an, bleiben aber weit unter dem, was dieselbe Woche an der Algarve oder auf den Balearen kostet.

São Miguel: Kraterseen, heiße Quellen und ein Ozean vor der Haustür

Ponta Delgada zum Auftakt

Die Inselhauptstadt Ponta Delgada wirkt auf den ersten Blick unspektakulär, und genau das ist ihr Reiz: schwarz-weiße Kopfsteinpflaster im portugiesischen Calçada-Stil, das barocke Stadttor Portas da Cidade direkt am Hafen, dazu Kirchen aus dunklem Basaltgestein, die sich deutlich von den weißgetünchten Kirchen des portugiesischen Festlands unterscheiden. Wer die Stadt am frühen Abend erkundet, wenn die Tagesausflügler zurück in ihre Hotels gefahren sind, hat den Mercado da Graça mit seinen Käse- und Wurstständen fast für sich allein. Ein Kaffee auf der Praça 5 de Outubro kostet 1,20 Euro, deutlich weniger als an jedem Café in Lissabon, und niemand drängt darauf, den Tisch schnell wieder freizugeben.

Sete Cidades und die Lagoa do Fogo

Der Kratersee von Sete Cidades gehört zu den meistfotografierten Orten Portugals, und trotzdem wirkt er an einem Dienstagvormittag im Juli fast menschenleer. Der Aussichtspunkt Vista do Rei, direkt neben einem verlassenen Hotelruinen-Komplex aus den Siebzigern, liefert den klassischen Blick auf beide Seen. Wer weiterfährt zur Lagoa do Fogo, dem "Feuersee" mitten im Inselinneren, sollte einen Nachmittag einplanen: Der Zugang ist reguliert, Parkplätze sind begrenzt, und der Abstieg zum Ufer dauert je nach Kondition 30 bis 45 Minuten. Baden ist hier erlaubt und im August auch angenehm, auch wenn das Wasser selten über 18 Grad kommt.

Baden in vulkanisch heißem Wasser: Furnas

Furnas ist das Gegenteil von kühl. Im Talkessel des Ortes brodelt der Boden noch immer, Schwefeldampf steigt aus Erdlöchern am Straßenrand, und Restaurants lassen ihren berühmten Cozido-Eintopf traditionell mehrere Stunden in der Erdhitze garen, bevor sie ihn servieren. Die Poça da Dona Beija, ein Freiluft-Thermalbad mit mehreren eisenhaltigen Becken zwischen 35 und 40 Grad, kostet rund 8 Euro Eintritt und ist bis 22 Uhr geöffnet — ein Bad unter Sternenhimmel, während im Wasser das Eisen die Haut orangebraun färbt, gehört für viele Besucher zum Höhepunkt der ganzen Reise.

Pico und Faial: Wale beobachten, wo einst Walfänger jagten

Vom Boot aus sieht ein abtauchender Pottwal aus wie ein umgedrehtes U, riesig, schwarz, fast lautlos.

Bis in die Siebzigerjahre wurde auf Pico noch kommerziell Walfang betrieben, die alten Ausguckstationen entlang der Küste stehen bis heute, umgebaut zu kleinen Museen. Heute fahren Anbieter wie Futurismo oder Terra Azul von Horta auf Faial oder direkt von Pico aus zu Beobachtungstouren, die zwischen 60 und 70 Euro pro Person kosten und drei bis vier Stunden dauern. Zwischen April und Oktober sind Pottwale das ganze Jahr über in den tiefen Kanälen zwischen den Inseln präsent, weil das Wasser hier auf wenigen Kilometern auf über 1.000 Meter abfällt; Blauwale und Finnwale ziehen dagegen nur im Frühling durch, sodass die Sommermonate vor allem Pottwale, Delfine und gelegentlich Pilotwale zeigen. Eine Garantie gibt es nie — an windigen Tagen bleiben die Boote im Hafen, und selbst erfahrene Guides sagen offen, dass mancher Ausflug ohne eine einzige Sichtung endet. Wer trotzdem sicher gehen will, bucht am besten zwei Touren an unterschiedlichen Tagen statt einer einzigen.

Ananas aus dem Treibhaus, Käse aus der Caldera

Was auf den Azoren wächst, wächst nirgendwo sonst in Europa unter diesen Bedingungen. Rund um Ponta Delgada stehen bis heute historische Glashäuser, in denen seit dem 19. Jahrhundert Ananas gezogen wird — ein Verfahren, das über 18 bis 24 Monate dauert und die einzige kommerzielle Ananasproduktion Europas darstellt. Die Plantagen Augusto Arruda und Cultivar bieten kurze Führungen für 5 bis 6 Euro an, am Ende gibt es meist ein Likörchen zur Verkostung. Auf der Nachbarinsel São Jorge dagegen dreht sich alles um Käse: Der Queijo São Jorge, ein würziger Hartkäse mit geschützter Herkunftsbezeichnung, reift mindestens vier Monate in feuchten, kühlen Kellern und schmeckt kräftiger als sein bekannterer Cousin aus dem portugiesischen Alentejo. Und dann ist da noch der Cozido das Furnas, jener Eintopf aus Rind, Schwein, Blutwurst und Kohl, der in Tontöpfen mehrere Stunden lang direkt im heißen Vulkanboden gart, bevor er in den Restaurants rund um den Kratersee serviert wird — ungewöhnlich, aber die bessere Wahl gegenüber jedem konventionell gekochten Eintopf, den man sonst in Portugal bekommt.

Wandern zwischen Hortensien und Lavafeldern

Die Azoren markieren ihre Wanderwege als offizielle "Percursos Pedestres Classificados", kurz PR, mit einheitlicher Beschilderung auf allen Inseln. Auf São Miguel führt der PR1 SMI rund um die Sete-Cidades-Caldera und ist mit seinen knapp 12 Kilometern auch für Ungeübte machbar. Anspruchsvoller ist der Aufstieg auf den Ponta do Pico auf der gleichnamigen Insel: Mit 2.351 Metern ist er der höchste Berg Portugals, der Aufstieg dauert vier bis fünf Stunden, ein staatlich zugelassener Guide ist Pflicht, und wer oben ankommt, blickt bei klarem Wetter bis nach Faial und São Jorge hinüber. Zwischen Juni und August blühen entlang unzähliger Wege die blauen Hortensienhecken, die auf Faial ganze Straßenränder säumen und der Insel den Beinamen "Ilha Azul" eingebracht haben.

  • PR1 SMI (Sete Cidades, São Miguel) — leicht, rund 3 Stunden, keine Anmeldung nötig
  • Ponta do Pico (Pico) — anspruchsvoll, geführt, meist als Sonnenaufgangstour gebucht
  • Wer nur einen halben Tag Zeit hat, sollte trotzdem die Fajãs an der Nordküste von São Jorge nicht auslassen, auch wenn kein klassischer PR-Weg direkt hinführt
  • Faial-Küstenpfad entlang der Ponta dos Capelinhos, wo 1957 ein Vulkanausbruch die Insel um mehrere Hektar vergrößerte

Terceira und Graciosa: die ruhigeren Alternativen

Wer São Miguel schon zweimal gesehen hat oder einfach noch weniger Trubel sucht, sollte einen Abstecher nach Terceira einplanen. Angra do Heroísmo, die frühere Hauptstadt der gesamten Inselgruppe, steht komplett auf der UNESCO-Weltkulturerbeliste, mit pastellfarbenen Kolonialfassaden, die an brasilianische Städte erinnern, nur ohne die Menschenmassen. Von Mai bis Juni finden hier die Touradas à Corda statt, ein traditionelles Stierrennen durch die engen Gassen, bei dem der Stier an einem langen Seil geführt wird — für Tierschützer ein zwiespältiges Erlebnis, für die Insel ein jahrhundertealtes Fest, das kaum ein ausländischer Reiseveranstalter überhaupt bewirbt. Noch abgelegener liegt Graciosa mit gerade einmal 4.000 Einwohnern und einer Vulkanhöhle namens Furna do Enxofre, in die man über eine steile Wendeltreppe hinabsteigt, bis unten ein kleiner Schwefelsee im Halbdunkel schimmert. Die Fähre von Terceira dorthin verkehrt nur wenige Male pro Woche, was Graciosa automatisch vor jedem Ansturm schützt.

Anreise, Kosten und die richtige Reisezeit

Azores Airlines (früher SATA) fliegt in den Sommermonaten mehrmals wöchentlich direkt von Frankfurt und München nach Ponta Delgada, Flugzeit rund fünf Stunden, Preise ab etwa 350 Euro für Hin- und Rückflug bei rechtzeitiger Buchung. Wer flexibler ist, kommt über Lissabon mit TAP Air Portugal oft günstiger, muss dafür aber einen Zwischenstopp einplanen. Ein Mietwagen ist auf São Miguel praktisch Pflicht, da der Busverkehr außerhalb von Ponta Delgada dünn ist; rechnen Sie mit 35 bis 50 Euro pro Tag für einen Kleinwagen, in der Hauptsaison eher am oberen Ende. Unterkünfte reichen von einfachen Pensionen ab 60 Euro pro Nacht bis zu Design-Hotels in alten Teebarone-Villen für 180 Euro aufwärts; eine Woche zu zweit mit Mietwagen, Mittelklasse-Unterkunft und den wichtigsten Ausflügen liegt meist zwischen 1.200 und 1.600 Euro. Juli und August bringen die stabilsten Wetterfenster, auch wenn Regenschauer nie ganz ausgeschlossen sind — wer Wert auf Ruhe legt, sollte trotzdem eher Ende Juni oder September buchen, wenn die Preise sinken und die wenigen Kreuzfahrtschiffe seltener anlegen. Ein Blick auf den Wetterbericht direkt vor Abflug lohnt sich in jedem Fall, denn die Vorhersage auf den Azoren ändert sich noch drei Tage vorher spürbar.

Packliste fürs unberechenbare Azoren-Wetter

Verzichten Sie auf die reine Sommergarderobe, die für die Algarve reicht — auf den Azoren brauchen Sie Schichten. Eine leichte Regenjacke gehört genauso ins Gepäck wie feste Wanderschuhe, ein Badeanzug für die Thermalquellen und mindestens ein warmer Pullover für die Abende auf über 500 Metern Höhe. Die bessere Wahl sind wasserdichte Trekkingschuhe statt Sandalen, selbst für Tage, die morgens sonnig beginnen. Am Nachmittag, wenn der Nebel wieder über die Kraterränder zieht und die Hortensien nass glänzen, wissen die meisten Reisenden längst, warum sie sich gegen die Algarve und für diese neun grünen Punkte im Atlantik entschieden haben.