Bornholm

Bornholm: Dänemarks Ostsee-Diamant zwischen Rundkirchen und Räucherschornsteinen

Fähre statt Flieger, Granitburgen statt Bettenburgen: Warum Bornholm gerade im Hochsommer die ruhigere Antwort auf die überfüllte Ostseeküste ist.

Bornholm: Dänemarks Ostsee-Diamant zwischen Rundkirchen und Räucherschornsteinen

Wer im Hochsommer an Bord der Schnellfähre von Ystad steht und nach rund achtzig Minuten die ersten Fischerhäuser von Rønne auftauchen sieht, hat gerade eine der unaufgeregtesten Grenzüberschreitungen Europas hinter sich. Kein Stau vor der Passkontrolle, kein Gedränge am Gate, kein stundenlanges Warten auf einen Parkplatz an der Steilküste – nur offenes Wasser, ein paar Möwen und am Horizont eine Insel, die aussieht, als wäre sie direkt aus Granit gemeißelt worden. Geografisch liegt Bornholm nur vierzig Kilometer von der schwedischen Südküste entfernt und ist bei klarer Sicht von der Nordspitze aus mit bloßem Auge zu erkennen, kulturell und politisch gehört die Insel jedoch fest zu Dänemark. Genau diese Zwischenlage in der südlichen Ostsee, fernab der überfüllten Küstenorte weiter westlich, macht Bornholm zu einer der interessanteren Alternativen für einen Sommerurlaub, der ohne Blechlawine und Liegestuhlschlacht auskommen soll. Die Insel ist mit ihrer rautenförmigen Grundform erstaunlich kompakt: Von Dueodde im äußersten Süden bis Sandvig im Norden sind es knapp 48 Kilometer, sodass sich Radtouren, Museumsbesuche und ein Abstecher zum Räucherofen locker in einen Tag packen lassen. Und weil sich Rønne, mit etwas mehr als 13.700 Einwohnern die größte Stadt der Insel, eher wie eine Kleinstadt als wie ein touristisches Drehkreuz anfühlt, wirkt Bornholm selbst in der Hauptsaison nie überlaufen.

Die Anreise: Fähre, Kurzflug oder das Rad im Gepäck

Die schnellste Verbindung führt über Schweden: Von Ystad aus verkehrt mehrmals täglich eine Katamaran-Schnellfähre der Reederei Bornholmslinjen nach Rønne, die Überfahrt dauert etwa 80 Minuten. Seit 2026 betreibt Bornholmslinjen sämtliche Fährrouten zur Insel exklusiv, mit einer neuen, deutlich schnelleren Flottengeneration. Wer aus Deutschland kommt, findet in der Sommersaison zusätzlich eine direkte Verbindung von Sassnitz/Mukran, die knapp dreieinhalb Stunden dauert – allerdings nur an wenigen Tagen pro Woche und ausschließlich zwischen Frühling und Herbst. Das klingt nach der bequemsten Option für Reisende aus dem Norden Deutschlands, ist es aber nur bedingt: Wer den Fahrplan nicht vorher prüft, steht am Terminal in Sassnitz schnell vor verschlossenen Schranken. Eine dritte Route verbindet Køge bei Kopenhagen mit Rønne, meist als Nachtfähre mit rund fünfeinhalb Stunden Fahrzeit. Für alle, die es eilig haben, fliegt die dänische Regionalfluggesellschaft DAT ganzjährig mehrmals täglich von Kopenhagen nach Rønne, in gerade einmal 30 bis 35 Minuten und ab etwa 459 dänischen Kronen pro Strecke, umgerechnet knapp 61 Euro. Reisen Sie mit dem eigenen Fahrrad an, nehmen Sie es einfach mit auf die Fähre – auf Bornholm selbst brauchen Sie dann kaum noch ein Auto.

Hammershus: die größte Burgruine Nordeuropas

Vierzig Meter über der Ostsee, auf nacktem Granit, ohne ein einziges Absperrband zwischen Besucher und Abgrund.

So liegt Hammershus auf dem Felsvorsprung Hammeren im äußersten Nordwesten der Insel, 74 Meter über dem Meeresspiegel und mit Blick bis zur schwedischen Küste. Die Anlage entstand zu Beginn des 13. Jahrhunderts, vermutlich als königliche Festung unter Waldemar II. und Ausgangspunkt für Kreuzzüge in die Ostsee – lange galt sie als Residenz des Erzbischofs von Lund, neuere Forschung stützt inzwischen die königliche Deutung. Nach der Reformation diente Hammershus als Staatsgefängnis, unter anderem für den dänischen Adligen Corfitz Ulfeldt und seine Frau Leonora Christine, bevor die Burg zwischen 1743 und 1822 schlicht als Steinbruch für Häuser in der Umgebung genutzt wurde. Der Zugang zur Ruine und zum Besucherzentrum ist ganzjährig kostenlos, lediglich der Parkplatz P2 verlangt in der Saison – vom Samstag vor Palmsonntag bis zum Ende der Herbstferien in Woche 42 – eine Gebühr von 30 dänischen Kronen für sechs Stunden. Wer die Parkgebühr umgehen will, stellt den Wagen einfach bei Hammersholm oder am Opalsee ab und geht die letzten Meter zu Fuß, was der Anlage ohnehin besser steht als ein Parkplatz direkt vor den Mauern.

Granitkirchen mit Wehrcharakter: die vier Rundkirchen

Neben Hammershus sind es die vier mittelalterlichen Rundkirchen, die als zweites Wahrzeichen der Insel gelten. Ihre massiven, runden Granitmauern wurden nicht nur für den Gottesdienst gebaut, sondern dienten im Ernstfall auch als Fluchtburg gegen Überfälle von der See her – ein Detail, das viele Besucher überrascht, wenn sie zum ersten Mal vor einer dieser wehrhaften Kirchen stehen. Østerlars gilt als die größte und älteste der vier und liegt auf dem Weg zwischen Svaneke und Gudhjem; der Eintritt kostet 30 Kronen, im Winter zwischen Morgen- und Abendläuten ist der Besuch kostenlos. Nylars dagegen ist ganzjährig ohne Eintritt zugänglich, während Ny Kirke in Nyker von Ostern bis Woche 42 montags bis freitags zwischen 9 und 15 Uhr öffnet und rund 10 Kronen verlangt. Wer nur Zeit für eine einzige Kirche hat, sollte sich für Østerlars entscheiden – die Dimensionen und die Deckenmalereien im Innenraum rechtfertigen den kleinen Umweg allemal, während die kleineren Rundkirchen eher etwas für Architekturfans mit mehr Zeit im Gepäck sind.

Goldgeräucherter Hering und die Räucherei-Kultur

Der eigentliche kulinarische Markenkern der Insel sind allerdings weder Burgen noch Kirchen, sondern der goldgeräucherte Hering, den man auf Dänisch als "guldrøget sild" kennt. Die Räuchertradition kam der Überlieferung nach über schottische Fischer auf die Insel, die auf ihren Fangfahrten in der Ostsee im damals unbewohnten Christiansø rasteten; von dort verbreitete sich das Räuchern zunächst nach Gudhjem an der Nordküste und schließlich über die gesamte Insel. Heute prägen die schlanken weißen Schornsteine der Räuchereien das Bild fast jedes Küstenorts, und der Klassiker "Sol over Gudhjem" – geräucherter Hering mit rohem Eigelb, Radieschen und Schnittlauch – steht in praktisch jedem Restaurant der Region auf der Karte. In Svaneke lohnt sich zusätzlich ein Abstecher zum Bryghuset Svaneke, wo Craft-Bier und geräucherter Fisch eine überraschend gute Kombination ergeben. Die bessere Wahl gegenüber einem klimatisierten Restaurant in Rønne ist eindeutig eine der kleinen Räuchereien direkt am Hafen: Man isst am Holztisch im Freien, mit Blick auf die rauchenden Schornsteine, und zahlt für einen Teller mit drei Sorten Fisch selten mehr als 150 bis 180 Kronen.

Radfahren zwischen Steilküste und Dünenstrand

Bornholm gehört zu den beliebtesten Fahrradzielen Dänemarks, und das liegt nicht nur an den vergleichsweise kurzen Distanzen. Eine klassische Tagestour beginnt in Rønne, führt über Hammershus und die Fischerorte Allinge und Sandvig an der Nordspitze entlang der Steilküste weiter nach Gudhjem und endet über Svaneke wieder bei einer der Rundkirchen im Landesinneren. Wer lieber am Strand liegt statt auf Klippen zu klettern, fährt stattdessen in den Süden nach Dueodde, wo feiner, fast weißer Dünensand und Kiefernwälder eine Postkartenkulisse ergeben, die man in dieser Form eher an der Nordsee als an der Ostsee erwarten würde. Zwischen diesen beiden Extremen – Granitklippen im Norden, Dünen im Süden – liegt praktisch die gesamte touristische Bandbreite der Insel, und wer beides an einem Tag schaffen will, überschätzt die eigene Kondition gewaltig.

Christiansø: ein Tag ohne Autos

Rund 20 Kilometer nordöstlich der Hauptinsel liegt die winzige Inselgruppe Ertholmene mit ihrem Hauptort Christiansø, einer ehemaligen Marinefestung, auf der bis heute keine Autos zugelassen sind. Von mehreren Häfen der Insel legen in den Sommermonaten Boote nach Christiansø ab, die Überfahrt dauert je nach Startpunkt zwischen 45 Minuten und gut einer Stunde. Wer erwartet, dort ein zweites Bornholm im Kleinformat zu finden, wird überrascht: Christiansø ist in einer knappen Stunde komplett zu Fuß erkundet, mit schmalen Gassen zwischen ehemaligen Kasernengebäuden, einer kleinen Festungsanlage und einem Hafenbecken, in dem sich die Boote der wenigen Dutzend permanenten Bewohner drängen. Für einen ganzen Urlaubstag reicht das nicht – als halbtägiger Kontrastpunkt zum geschäftigeren Festland-Bornholm funktioniert der Ausflug aber ausgezeichnet.

Praktisch fürs Portemonnaie: Preise und die richtige Reisezeit

Dänemark zahlt nach wie vor mit der eigenen Währung, der dänischen Krone, die über das Wechselkursmechanismus-System ERM II fest an den Euro gekoppelt ist – ein Kurs von etwa 7,46 Kronen je Euro gilt seit Jahren nahezu unverändert, sodass sich Preise im Kopf recht zuverlässig umrechnen lassen. Eine einfache Mahlzeit in einem der Räuchereien-Restaurants kostet, wie erwähnt, selten mehr als 20 Euro, während ein Hotelzimmer in der Hauptsaison in Gudhjem oder Svaneke schnell bei 130 bis 180 Euro pro Nacht liegt. Wer die Preise drücken und gleichzeitig dem größten Andrang entgehen will, kommt besser Anfang Juni oder Mitte September: Die Ostsee ist dann zwar spürbar kühler, aber die Räuchereien haben geöffnet, die Rundkirchen sind nicht überlaufen, und Zimmer werden zu deutlich moderateren Preisen angeboten. Der Hochsommer bleibt trotzdem die verlässlichste Option für alle, die auf warmes Badewetter in Dueodde nicht verzichten wollen – nur sollten Sie Unterkünfte in Gudhjem und Svaneke dann mehrere Wochen im Voraus buchen, denn die beliebtesten Häuser sind im Juli und August regelmäßig ausgebucht, lange bevor die ersten Ferienflieger nach Kopenhagen überhaupt gelandet sind.