Um sieben Uhr morgens gehört Riquewihr noch den Winzern. Die ersten Träger schieben Bottiche voller Riesling- und Gewürztraminer-Trauben durch die schmale Rue du Général de Gaulle, während die Fachwerkfassaden noch im Schatten liegen und der erste Reisebus frühestens gegen zehn Uhr aus Colmar eintrifft. Wer im September durchs Elsass fährt, sieht die Region in ihrem eigentlichen Arbeitsrhythmus – nicht als Kulisse für ein Postkartenmotiv, sondern als Weinbaugebiet, das gerade seine wichtigsten drei Wochen des Jahres durchläuft.
Warum die Vendange den September zum richtigen Monat macht
Die Weinlese, im Elsass Vendange genannt, beginnt meist in der ersten Septemberwoche mit den frühreifen Sorten wie Pinot Blanc und Crémant-Trauben und zieht sich bis Mitte Oktober, wenn die letzten Riesling- und Gewürztraminer-Parzellen dran sind. Genau dieses Nacheinander macht den Unterschied: Im August ist es entlang der Route des Vins oft noch zu heiß für lange Wanderungen zwischen den Reben, im November liegt schon Nebel über dem Rheintal und die meisten Winzer haben ihre Höfe für Besucher geschlossen. Die zweite Septemberhälfte trifft den Punkt, an dem die Trauben hängen, die Temperaturen tagsüber noch bei angenehmen 20 bis 24 Grad liegen und abends die ersten Herbstfarben an den Rebstöcken erscheinen. Wir empfehlen ganz bewusst die Tage zwischen dem 15. und 28. September – früher ist von der eigentlichen Lese oft noch wenig zu sehen, später beginnen viele Domaines bereits mit der Pressung und sind für spontane Besuche zu beschäftigt. Wichtig zu wissen: Das genaue Datum der Vendange legt jede Gemeinde einzeln über den sogenannten Ban des Vendanges fest, basierend auf dem Zuckergehalt der Trauben, den lokale Önologen laufend messen. Das bedeutet auch, dass zwei Nachbardörfer durchaus zehn Tage auseinanderliegen können – ein Anruf beim jeweiligen Office de Tourisme am Vortag erspart eine unnötig lange Anfahrt.
Riquewihr am frühen Morgen, bevor die Busse kommen
Riquewihr gilt zu Recht als eines der schönsten Dörfer Frankreichs, und genau das ist tagsüber sein Problem: Zwischen elf und siebzehn Uhr schieben sich Gruppen aus Colmar und Straßburg durch die Hauptgasse, und von der Weinbau-Atmosphäre bleibt wenig übrig. Kommen Sie stattdessen vor neun Uhr oder nach achtzehn Uhr – dann gehören die Ecktürme, der Dolder aus dem 13. Jahrhundert und die schiefen Fachwerkhäuser wieder den Bewohnern und den wenigen Winzern, die ihre Weinberge direkt hinter der Stadtmauer bewirtschaften. Das Weingut Hugel, seit 1639 in Familienbesitz und eines der ältesten Weinhäuser Frankreichs, öffnet seinen kleinen Verkostungsraum werktags schon um neun Uhr und verlangt für eine Verkostung von vier Weinen üblicherweise zwischen zwölf und achtzehn Euro. Wer es lieber informeller mag, findet an der Dorfgrenze Richtung Zellenberg mehrere Familienbetriebe, die während der Vendange direkt am Weinberg Trauben verkosten lassen – meist ohne Voranmeldung, oft gegen eine kleine Spende in die Kasse für die Erntehelfer. Parken lässt sich am besten am großen Platz vor dem Bahnhof, von dort sind es keine fünf Minuten zu Fuß bis zur Stadtmauer, und die Gebühr liegt bei moderaten drei Euro für den ganzen Tag. Wer im Ort übernachtet, sollte sich nicht wundern, wenn abends gegen einundzwanzig Uhr plötzlich Ruhe einkehrt – die meisten Winzerfamilien stehen während der Lese schon um sechs Uhr wieder in den Reben.
Ribeauvillé und die drei Burgen über den Reben
Fünf Kilometer weiter nördlich liegt Ribeauvillé, spürbar ruhiger als sein berühmterer Nachbar und mit einem entscheidenden Vorteil: Von hier führt ein markierter Wanderweg in etwa neunzig Minuten hinauf zu den drei Burgruinen Girsberg, Saint-Ulrich und Haut-Ribeaupierre, von wo aus sich die gesamte Route des Vins bis nach Colmar überblicken lässt. Genau während der Lese lohnt sich dieser Aufstieg besonders, weil die Weinberge unterhalb in einem Flickenteppich aus goldgelben und noch grünen Parzellen liegen, je nachdem, welche Sorte in welcher Parzelle schon geerntet wurde. Das Weingut Trimbach, ebenfalls seit dem 17. Jahrhundert am Ort und international vor allem für seinen Riesling Clos Sainte Hune bekannt, bietet an Wochentagen Führungen durch den Keller an, die deutlich mehr über die Steillagen-Bewirtschaftung erzählen als jede Broschüre. Wer im September mit dem Auto anreist, sollte wissen, dass die schmale Straße zwischen Ribeauvillé und Hunawihr während der Lesewochen häufig von Traktoren mit vollen Anhängern blockiert wird – kein Grund zur Aufregung, aber ein guter Grund, für die zwölf Kilometer bis Riquewihr lieber vierzig statt zwanzig Minuten einzuplanen.
Genau dieser Verkehr aus Traktoren und Erntehelfern ist es, den viele Reisende unterschätzen.
Eguisheim: Handarbeit statt Volksfest
Eguisheim, kreisrund um seine ehemalige Burg angelegt und regelmäßig zum schönsten Dorf Frankreichs gekürt, hat in den letzten Jahren spürbar unter seinem eigenen Ruf gelitten – an manchen Samstagnachmittagen im Sommer wirkt die Ringstraße eher wie ein Freilichtmuseum als wie ein echtes Winzerdorf. Im September verändert sich das Bild fast vollständig, weil ein Großteil der etwa fünfzig ansässigen Winzerfamilien tagsüber in den Weinbergen der umliegenden Grand-Cru-Lagen Eichberg und Pfersigberg steht und die Ernte per Hand einbringt, wie es die strengen Grand-Cru-Regeln vorschreiben. Genau dort, zwischen den Reihen, lässt sich beobachten, was das Elsass vom industrialisierten Weinbau anderswo unterscheidet: Maschinenlese ist in den Grand-Cru-Lagen schlicht verboten, und ein einzelner Erntehelfer schafft an einem Vormittag selten mehr als zwei bis drei Reihen. Das Weingut Léon Beyer und mehrere kleinere Domaines wie Charles Baur öffnen während der Lese ihre Höfe für kurze, unkomplizierte Besuche, bei denen man den Mostkelter live in Betrieb sehen kann – ein Erlebnis, das mit gebuchten Verkostungstouren aus Colmar kaum vergleichbar ist.
Nicht alles daran ist romantisch. Die Arbeit in den Steillagen ist körperlich hart, viele der Erntehelfer sind Saisonkräfte aus Polen und Rumänien, die für rund zwölf bis vierzehn Euro die Stunde zehn Tage am Stück in den Reben stehen, und wer diese Seite der Vendange ausblendet, sieht nur die halbe Geschichte. Genauso wenig sollte man erwarten, in jedem Dorf spontan an einer Ernte teilnehmen zu können – die meisten Domaines arbeiten mit festen Erntetrupps und lassen Besucher aus Versicherungsgründen nicht einfach mitanpacken. Wer wirklich einen Vormittag in den Reben verbringen möchte, bucht das am besten Wochen im Voraus direkt über kleinere Weingüter, nicht über die großen Namen.
Vier Rebsorten, an denen sich die Reihenfolge der Lese ablesen lässt
Wer verstehen will, warum die Vendange sich über sechs Wochen hinzieht statt an einem einzigen Wochenende stattzufinden, muss nur die vier wichtigsten Elsässer Rebsorten kennen. Pinot Blanc und die Trauben für Crémant d'Alsace reifen als Erste, meist schon Anfang September, weil sie für spritzige, säurebetonte Weine gedacht sind, bei denen zu viel Zucker eher stört als hilft. Es folgt der Pinot Gris, kräftiger und öliger im Geschmack, den viele Winzer zwei bis drei Wochen länger hängen lassen, bevor er Ende September geerntet wird. Der Gewürztraminer, unverkennbar an seinem intensiven Rosenaroma, verlangt nach noch mehr Reifezeit und wird oft erst Anfang Oktober gelesen, wenn die Trauben schon fast rosa schimmern. Ganz zum Schluss kommt der Riesling: Die bekannteste Elsässer Sorte reagiert empfindlich auf zu frühe Ernte und verliert dabei genau die mineralische Säure, die einen guten Riesling von den Grand-Cru-Lagen Schoenenbourg oder Rangen ausmacht – deshalb bleiben die Riesling-Parzellen oft bis Mitte Oktober stehen, während rundherum längst alles andere abgeerntet ist.
Für die Verkostung bedeutet das ganz praktisch: Ein Besuch Mitte September zeigt Ihnen frisch gepressten Crémant und Pinot Gris in Arbeit, während der eigentliche Riesling zu diesem Zeitpunkt noch unberührt in den Steillagen hängt. Die bessere Wahl für alle, die möglichst viel von der Lese live sehen wollen, ist deshalb ein Besuch zwischen dem 20. und 30. September – dann überschneiden sich Pinot Gris, Gewürztraminer und die ersten Riesling-Parzellen, und man erlebt an einem einzigen Tag drei völlig unterschiedliche Stadien der Ernte.
Praktisch: Anreise, Preise, Zeitfenster
Die Route des Vins lässt sich am besten mit dem Mietwagen ab Straßburg oder Basel erfahren; beide Flughäfen liegen jeweils rund eine Stunde entfernt, und öffentliche Verbindungen zwischen den Dörfern sind außerhalb der TER-Bahnlinie Straßburg–Colmar dünn gesät. Für vier Übernachtungen in einer Chambre d'hôtes in Riquewihr oder Ribeauvillé sollten Sie zwischen 90 und 150 Euro pro Nacht für zwei Personen einplanen, deutlich günstiger als vergleichbare Zimmer in Colmar selbst. Ein Glas Crémant d'Alsace kostet bei den meisten Winzern zwischen vier und sechs Euro, eine Flasche zum Mitnehmen ab etwa zwölf Euro – kein Schnäppchenpreis, aber angesichts der traditionellen Flaschengärung nach Champagner-Methode fair kalkuliert. Meiden sollten Sie die letzten beiden September-Wochenenden bewusst, wenn mehrere Dörfer ihre Weinfeste (Fêtes des Vendanges) abhalten und die Route des Vins zeitweise so überlaufen ist wie im August. Unter der Woche dagegen, zwischen Dienstag und Donnerstag, erleben Sie die Lese fast ohne andere Reisende – genau dann zeigt sich das Elsass von seiner besten Seite: konzentriert, arbeitsam und für ein paar Wochen im Jahr ehrlich mit sich selbst.