Harz

Der Harz im Hochsommer: Wandern, wenn die Küste zu voll wird

Während sich an der Ostsee die Strandkörbe stapeln, bleibt es zwischen Wernigerode und dem Brocken erstaunlich kühl und ruhig. Eine Tour für alle, die im Hochsommer lieber Wald als Sandstrand haben.

Der Harz im Hochsommer: Wandern, wenn die Küste zu voll wird

Anfang August stehen an der Ostsee die Autos schon bei Rostock im Stau, und in Binz zahlen Sie für drei Nächte im Mittelklassehotel ohne Weiteres 540 Euro. Der Harz dagegen wird seltsam unterschätzt. Dabei liegt er für die halbe Republik bequem in der Mitte, das Thermometer klettert auf den Höhenlagen selten über 24 Grad, und ein Doppelzimmer in Wernigerode bekommen Sie im Hochsommer oft noch für 80 bis 110 Euro die Nacht. Wer im Juli oder August Ruhe sucht, fährt nicht ans Meer. Er fährt in den Wald.

Ich habe den Harz lange für eine Wintergegend gehalten — Skilanglauf, Glühwein, der Brocken im Nebel. Das war ein Irrtum. Gerade in den heißen Wochen, wenn das Flachland flirrt, ist der Höhenzug zwischen Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen eine der angenehmsten Wanderregionen Deutschlands. Die Buchenwälder spenden Schatten, die Bachläufe führen auch im Sommer Wasser, und auf dem Brocken weht fast immer ein kühler Wind, der einen nach dem Aufstieg dankbar frösteln lässt.

Warum gerade jetzt — und nicht im Mai

Der Mai ist im Harz schön, aber wechselhaft; oben auf 1.000 Metern liegt manchmal noch Schnee, und der Brocken zeigt sich an zwei von drei Tagen nur als graue Wand. Der Hochsommer ist verlässlicher. Die Fernsicht reicht an klaren Tagen bis zum Inselsberg im Thüringer Wald und nach Norden weit ins Vorland hinein. Dazu kommt ein praktisches Argument: Die Hauptreisezeit konzentriert sich an den Stränden, sodass die Mittelgebirge davon kaum etwas abbekommen. Selbst auf der vielbegangenen Brockenstraße sind Sie an einem Dienstagvormittag im August streckenweise allein.

Verzichten Sie auf das Auto, wo es geht. Die Region hat mit der HATIX-Karte (Harzer Tourismusverband) ein Pfund, das viele Gäste übersehen: Wer in einem teilnehmenden Ort übernachtet, fährt mit der Kurkarte sämtliche Linienbusse im Landkreis Harz kostenlos. Das heißt, Sie wandern eine Strecke in eine Richtung und lassen sich am Ende vom Bus zurückbringen, statt denselben Weg zurückzulaufen. Diese eine Sache verändert die Planung komplett.

Drei Touren, die sich wirklich lohnen

Der Harz hat mehr als 8.000 Kilometer markierte Wege, und der Harzer Wandernadel-Pass mit seinen 222 Stempelstellen verführt schnell dazu, Kilometer zu sammeln statt zu wandern. Lassen Sie das. Drei Touren reichen für ein langes Wochenende, und jede hat ihren eigenen Charakter.

Auf den Brocken — aber zu Fuß, nicht mit der Bahn

Der Klassiker führt vom Bahnhof Schierke über den Eckerlochstieg hinauf, knapp 7 Kilometer und rund 500 Höhenmeter. Der Steig ist felsig, an zwei Stellen klettern Sie über Wurzeln und Blockschutt — feste Schuhe sind hier keine Empfehlung, sondern Pflicht. Oben empfängt Sie der höchste Gipfel Norddeutschlands mit 1.141 Metern, einem Wetterhäuschen aus DDR-Zeiten und meist deutlich mehr Andrang, als der einsame Aufstieg vermuten ließ. Das liegt an der Brockenbahn, der schmalspurigen Dampflok, die täglich Hunderte Gäste heraufschnauft. Eine Hin- und Rückfahrt kostet aktuell rund 53 Euro pro Erwachsenem — viel Geld dafür, dass die schönste Hälfte des Erlebnisses, nämlich der Weg, dabei wegfällt. Mein Rat: hochlaufen, oben eine Erbsensuppe essen, und sich für den Abstieg den Bus oder den sanfteren Goetheweg gönnen.

Das Bodetal — die kleine Schlucht, die niemand erwartet

Zwischen Thale und Treseburg hat sich die Bode tief in den Granit gegraben, und das Ergebnis ist eine Schlucht, die man in Mitteldeutschland schlicht nicht vermutet. Der Weg ist rund 10 Kilometer lang, gut gesichert, aber stellenweise schmal und ausgesetzt. Hier ist der Hochsommer fast zu schade, denn unter den Felsen bleibt es kühl und feucht, während oben die Sonne brennt. In Thale lohnt sich danach die Seilbahn auf den Hexentanzplatz, auch wenn die 9 Euro für die einfache Fahrt für eine Strecke, die man laufen könnte, grenzwertig sind.

Rund um die Okertalsperre — flach, schattig, familientauglich

Wer Kinder dabei hat oder einfach keine Lust auf Höhenmeter, umrundet die Okertalsperre bei Altenau. Der Weg am Wasser entlang ist weitgehend eben, gut 12 Kilometer lang und führt fast durchgehend durch Wald. An heißen Tagen ist das die humane Variante: kaum Steigung, viel Schatten, und am Ende ein Kaffee an der Staumauer mit Blick auf das türkisgrüne Wasser.

Wo Sie schlafen sollten

Wernigerode ist die naheliegende Basis — die bunte Fachwerkaltstadt unter dem Schloss ist zu Recht berühmt, allerdings im August auch entsprechend belebt. Ruhiger und für Wanderer praktischer liegt Schierke, direkt am Fuß des Brockens. Hier ein paar Orientierungspunkte für die Übernachtung:

  • Pensionen und Ferienwohnungen in Schierke und Braunlage liegen im Hochsommer meist zwischen 75 und 120 Euro pro Nacht im Doppelzimmer.
  • Wer es einfacher mag: Die Jugendherbergen in Thale und Torfhaus nehmen auch Erwachsene und kosten mit Frühstück selten mehr als 40 Euro pro Person.
  • Buchen Sie in einem HATIX-Ort. Die kostenlose Busnutzung spart über vier Tage schnell 30 bis 40 Euro und macht das Auto überflüssig.
  • Ferienwohnungen für die ganze Familie finden Sie ab etwa 90 Euro — was, auf vier Personen gerechnet, jeden Strandurlaub unterbietet, und so weiter.

Ein ehrlicher Hinweis noch: Der Harz hat ein Waldproblem. Der Borkenkäfer hat in den Hochlagen ganze Fichtenbestände dahingerafft, und an manchen Hängen wandern Sie durch graue, abgestorbene Stämme. Das ist kein schöner Anblick. Aber es ist auch ehrliche Natur im Umbruch — dort, wo die Forst nicht eingreift, schießt zwischen den toten Fichten bereits junger Mischwald hoch, Birke, Eberesche, Buche. In zehn Jahren sieht das hier anders aus.

Was Sie einpacken sollten

Das Wetter im Harz dreht schnell. Unten in Thale können es 30 Grad sein, oben auf dem Brocken 14 Grad bei Nieselregen und Wind. Eine winddichte Jacke gehört auch im August in den Rucksack, ebenso mindestens 1,5 Liter Wasser pro Person, denn an den Höhenwegen gibt es kaum Quellen. Mobilfunkempfang ist in den Tälern lückenhaft — laden Sie die Karte der Komoot- oder Outdooractive-App vorher offline herunter, statt sich auf das Netz zu verlassen.

Und wenn Sie nur einen einzigen Nachmittag haben: Fahren Sie nach Thale, gehen Sie ins Bodetal hinein, bis das Rauschen der Bode den Verkehrslärm vollständig verschluckt hat. Spätestens dort verstehen Sie, warum die Romantiker vom Harz nicht loskamen.