Kroatien

Istrien im Hochsommer: Kroatiens ruhige Antwort auf die überfüllte Adria

Split erstickt im Juli unter Kreuzfahrtpassagieren, doch eine Autostunde landeinwärts liegt Istrien fast unberührt zwischen Trüffelwäldern und Weinbergen.

Istrien im Hochsommer: Kroatiens ruhige Antwort auf die überfüllte Adria

Um sieben Uhr morgens liegt über Motovun noch ein grauer Nebelstreifen, der sich erst löst, wenn die Sonne über den Weinbergen im Tal steht, und in dieser Stunde gehört die Stadtmauer noch niemandem außer ein paar Amseln und dem Bäcker, der seine Fensterläden aufklappt. Zwei Autostunden weiter südlich, an der Küste bei Split, haben sich zur gleichen Zeit schon die ersten Ausflugsboote in die Hafeneinfahrt gedrängt, und die Uferpromenade riecht nach Sonnencreme, bevor der Kaffee überhaupt kalt geworden ist. Zwischen diesen beiden Bildern liegt der eigentliche Grund, warum sich ein Blick nach Istrien im Hochsommer lohnt.

Warum die Küste im Juli aus dem Ruder läuft

Split hat nach Angaben der kroatischen Tourismusbehörde im Sommer 2025 an Spitzentagen mehr als 10.000 Kreuzfahrtpassagiere gleichzeitig in der Altstadt verzeichnet, eine Zahl, die auf eine historische Kernstadt trifft, deren enge Gassen dafür schlicht nicht gebaut wurden. Dubrovnik hat als Reaktion darauf längst Zugangsbeschränkungen für die Stadtmauern eingeführt, und wer im August ohne vorab gebuchtes Zeitfenster anreist, steht vor verschlossenen Kassenhäuschen. Diese Entwicklung ist kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrelanger Werbekampagnen, die genau diese Städte als DAS Kroatien-Erlebnis verkauft haben, während das istrische Hinterland in denselben Prospekten höchstens eine Randnotiz blieb.

Istrien: das andere Kroatien

Istrien liegt als Halbinsel im Nordwesten des Landes, nur eine kurze Fahrt von der slowenischen Grenze entfernt, und wirkt geografisch fast wie ein eigenes kleines Land innerhalb Kroatiens. Die Küstenorte Rovinj, Poreč und Pula sind längst keine Geheimtipps mehr und füllen sich im Juli und August ebenfalls spürbar, doch schon eine halbe Stunde landeinwärts verändert sich das Bild vollständig. Hügelstädtchen wie Motovun, Grožnjan und Buzet liegen auf Bergkuppen zwischen Trüffelwäldern und Weinbergen, und selbst zur Hauptsaison trifft man dort selten mehr als eine Handvoll anderer Reisender auf den Gassen.

Motovun, Grožnjan und das Trüffelland

Motovun ist berühmt für die Trüffel, die in den Eichenwäldern des Mirna-Tals direkt unterhalb der Stadtmauer wachsen, und von September bis Januar durchsuchen ausgebildete Hunde dort systematisch den Waldboden nach dem weißen Trüffel, der auf Märkten in Buzet weit über 3.000 Euro pro Kilogramm erzielen kann. Im Sommer ist die Trüffelsaison zwar vorbei, doch praktisch jedes Restaurant im Ort verarbeitet das ganze Jahr über eingelegte oder in Öl konservierte Trüffel, und ein Teller Fuži mit Trüffelsauce kostet in Motovun selten mehr als 14 bis 18 Euro. Grožnjan, eine knappe halbe Stunde entfernt, hat sich seit den 1960er-Jahren zu einer Künstlerkolonie entwickelt, in der Ateliers und Galerien die alten Steinhäuser bewohnen, die sonst verfallen wären.

Ganz ohne Einschränkung sollte man das Bild allerdings nicht zeichnen. Rovinj selbst, mit seiner Altstadt auf der schmalen Halbinsel, ist im August zur Mittagszeit nahezu so voll wie Split — die Ruhe Istriens bezieht sich auf das Hinterland, nicht auf die bekannten Küstenstädte, und wer beides sehen will, sollte die Küste bewusst für den frühen Morgen oder den späten Abend einplanen.

Wein, Olivenöl und eine Küche, die sich selbst nicht wichtig nimmt

Istrien produziert mit der Rebsorte Malvazija Istarska einen trockenen Weißwein, der sich deutlich von den süßeren Weinen Dalmatiens unterscheidet, und Weingüter wie Kozlović oder Matošević bieten Verkostungen oft schon ab 15 Euro pro Person an, meist ohne die Warteschlangen, die man von toskanischen oder südfranzösischen Weingütern kennt. Das Olivenöl der Region wurde vom Fachmagazin Flos Olei mehrere Jahre in Folge zur weltbesten Anbauregion für Olivenöl gekürt, eine Auszeichnung, die in Istrien selbst kaum jemand an die große Glocke hängt, obwohl sie international durchaus etwas bedeutet.

Wer eine klare Kaufempfehlung sucht: Verzichten Sie auf das erstbeste Souvenir-Olivenöl aus dem Küstenort und fahren Sie stattdessen direkt zu einer der kleinen Ölmühlen im Hinterland, etwa in der Gegend um Vodnjan — dort kostet eine 0,5-Liter-Flasche direkt ab Hof selten mehr als 10 bis 12 Euro, und man sieht der Betreiberin beim Abfüllen zu, statt ein Etikett mit Hochglanzfoto zu kaufen.

Die Parenzana-Route: mit dem Rad statt mit dem Auto

Zwischen 1902 und 1935 verband eine Schmalspurbahn namens Parenzana die Städte Triest, Poreč und das istrische Hinterland, und nachdem die Strecke stillgelegt wurde, verfiel die Trasse jahrzehntelang, bis Kroatien, Slowenien und Italien sie gemeinsam zu einem grenzüberschreitenden Radweg umbauten. Heute führt die Route über rund 123 Kilometer durch Weinberge, an stillgelegten Bahnhofsgebäuden vorbei und durch mehrere Tunnel, die noch aus der k.u.k.-Zeit stammen, und die Steigungen sind wegen der ehemaligen Bahntrasse angenehm moderat — selbst mit einem einfachen Leihrad aus Buzet, das dort ab etwa 15 Euro pro Tag zu haben ist, kommt man ohne größere Anstrengung voran. Wer die gesamte Strecke fahren will, sollte zwei bis drei Tage einplanen und die Nächte in kleinen Unterkünften entlang der Trasse verbringen, die sich in den vergangenen Jahren gezielt auf Radreisende eingestellt haben.

Was auf den Teller gehört

Die istrische Küche unterscheidet sich spürbar von der dalmatinischen, weil sie stärker von der Landwirtschaft als vom Fischfang geprägt ist. Maneštra, ein dicker Eintopf aus Bohnen, Kartoffeln und je nach Saison Kraut oder Mais, war ursprünglich ein Arme-Leute-Gericht der istrischen Bauern und steht heute in praktisch jedem Landgasthof auf der Karte, meist für 8 bis 10 Euro. Fuži, eine handgerollte Nudelform, die es nur in Istrien gibt, wird traditionell mit Wildragout oder eben Trüffelsauce serviert, und der istrische Pršut, luftgetrockneter Schinken, wird anders gewürzt und länger gereift als sein dalmatinisches Gegenstück. Wer nach dem seltenen Boškarin sucht, dem istrischen Steppenrind, findet es nur noch in wenigen Restaurants, da die Rasse fast ausgestorben war und erst in den 1990er-Jahren durch gezielte Zucht gerettet wurde.

Ganz billig ist das alles inzwischen nicht mehr. Seit die "Geheimtipp Istrien"-Artikel selbst zu einem wiederkehrenden Genre geworden sind, sind die Preise in den bekannteren Hinterlandorten wie Motovun in der Hauptsaison spürbar gestiegen — ein Umstand, der die ganze Prämisse dieses Textes ein Stück weit unterläuft, aber ehrlich gesagt trotzdem nichts daran ändert, dass hundert Meter außerhalb der Stadtmauer die Ruhe sofort wieder da ist.

Anreise und Kosten

  • Der Flughafen Pula wird im Sommer direkt aus mehreren deutschen und österreichischen Städten angeflogen, häufig günstiger als die Flüge nach Split
  • Ein Mietwagen ist im Hinterland praktisch unverzichtbar, da der Busverkehr zwischen den Hügelstädtchen nur wenige Male täglich verkehrt
  • Eine Doppelzimmer-Übernachtung in einer der kleinen Pensionen in Motovun oder Buzet liegt meist zwischen 70 und 110 Euro, deutlich unter den Preisen vergleichbarer Unterkünfte in Rovinj zur Hauptsaison
  • Kroatien zahlt seit 2023 mit dem Euro, was den früheren Umrechnungsaufwand mit der Kuna erspart

Wann genau man fahren sollte

Der Juli bringt in Istrien regelmäßig Temperaturen über 30 Grad, und im Hinterland fehlt der kühlende Meereswind, der an der Küste zumindest die Abende erträglich macht. Wer die Hitze meiden will, sollte eher auf die letzten beiden Augustwochen oder den September setzen, wenn die Tage noch warm, die Nächte aber bereits angenehmer sind und die ersten Trüffelsucher wieder mit ihren Hunden durch die Wälder ziehen. Die Küstenstädte sind dann ebenfalls spürbar leerer, weil die Schulferien in den meisten mitteleuropäischen Ländern zu diesem Zeitpunkt bereits enden.

Was am Ende bleibt

Istrien verkauft sich nicht als Gegenentwurf zu Split oder Dubrovnik, es ignoriert diese Frage einfach. In Motovun hängt am Nachmittag noch immer eine Ruhe über der Stadtmauer, die man an der Küste im Juli schlicht nicht mehr findet — und die Trüffelbauern im Tal darunter wissen ziemlich genau, dass sie diese Stille lieber behalten als jeden zusätzlichen Bus voller Tagestouristen. Wer einmal um sieben Uhr morgens durch das Stadttor gegangen ist, bevor der erste Reisebus überhaupt die Serpentinen hochkommt, versteht sofort, warum.