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Spreewald im Hochsommer: Kahn statt Klimaanlage

Eine Stunde von Berlin, kühl unter den Erlen: Der Spreewald im Hochsommer mit Kahnfahrt, Spreewaldgurken und sorbischem Erbe. Auch ganz ohne Auto erreichbar.

Spreewald im Hochsommer: Kahn statt Klimaanlage
Flacher Holzkahn auf einem von Erlen gesäumten Fließ im Spreewald im Sommer
Der Kahn ist im Spreewald bis heute oft der einzige Weg zum Nachbarn.

Wenn in Berlin im Juli die Hitze zwischen den Häuserzeilen steht, fahren viele eine knappe Stunde nach Südosten und merken sofort den Unterschied. Im Spreewald liegt die Luft unter den Erlen kühl über dem Wasser, und die rund 1.500 Kilometer Fließe ziehen sich wie ein nasses Adernetz durch die Landschaft. Wir empfehlen die Region gerade jetzt, im Hochsommer, weil das Wasser hier macht, was keine Klimaanlage schafft.

Der Kahn ist kein Touristenkitsch

Die flachen Holzkähne, die ein Fährmann mit dem Rudel, einer langen Stake, durchs Wasser stößt, wirken auf den ersten Blick wie Folklore für Reisebusse. Sind sie aber nicht. Es ist bis heute die einzige Art, die entlegeneren Ortsteile rund um Lehde zu erreichen, denn dort fährt schlicht kein Auto. Die Post kam jahrzehntelang per Kahn, und in Teilen tut sie das noch.

Eine geführte Kahnfahrt ab Lübbenau kostet je nach Strecke zwischen 12 und 20 Euro pro Person und dauert zwei bis drei Stunden. Das klingt lang, ist es aber nicht, sobald man im Schatten sitzt und der Fährmann von den Höfen erzählt, an denen man vorbeigleitet. Verzichten Sie ruhig auf die kürzeste Runde, die längere lohnt sich.

Wer lieber selbst paddelt, leiht in Lübbenau oder Burg ein Kanu, Tagespreis etwa 25 bis 35 Euro. Das ist die bessere Wahl für alle, die nicht im Pulk fahren wollen. Ein Haken bleibt: An heißen Wochenenden sind die Hauptfließe rund um Lübbenau voll, und voll heißt hier wirklich voll. Wer Stille sucht, startet früh oder weicht nach Burg im Oberspreewald aus.

Was man isst, wenn man hier ist

Die Spreewaldgurke ist kein Souvenir, sondern Alltag. An fast jedem Hofladen stehen Gläser mit Gewürzgurken, und der Unterschied zur Supermarktware schmeckt man beim ersten Bissen. Eine ehrliche Brotzeit im Spreewald besteht aus Pellkartoffeln mit Leinöl und Quark, dazu eben diese Gurken. Bodenständig, regional, und an einem heißen Tag erstaunlich leicht.

  • Pellkartoffeln mit Leinöl und Quark, das klassische Gericht der Region
  • Eingelegte Spreewaldgurken direkt vom Hof, nicht aus dem Glas der Handelskette
  • Frischer Fisch aus den Teichen, vor allem Karpfen und Hecht
  • Und ein Stück Plinse, eine Art herzhafter Eierkuchen, den hier noch viele Familien selbst backen

Ein Tipp, den man in Reiseführern selten findet: Die kleinen Hofläden abseits der Touristenstege verkaufen oft besser und günstiger als die Stände direkt am Anleger. Ein Glas gute Gurken kostet dort um die 4 Euro, am Touristenkahn-Anleger schnell das Doppelte.

Sorbisches Erbe, das noch lebt

Der Spreewald liegt im Siedlungsgebiet der Sorben, einer westslawischen Minderheit, deren Sprache auf zweisprachigen Ortsschildern steht. Lübbenau heißt sorbisch Lubnjow. Das ist kein museales Detail, sondern gelebte Kultur, etwa bei den Bräuchen rund um das Johannisreiten oder das Hexenbrennen. Wer im Juli da ist, trifft eher auf die ruhigeren Wochen zwischen den Festen, was nicht das Schlechteste ist.

Lehde wurde schon im 19. Jahrhundert das "Spreewald-Venedig" genannt. Der Vergleich hinkt, und genau das ist sein Reiz: Hier gibt es keine Postkartenkulisse, sondern Menschen, die wirklich mit dem Kahn zum Nachbarn fahren.

Anreise ohne eigenes Auto

Von Berlin Hauptbahnhof fährt der Regionalexpress RE2 in gut einer Stunde nach Lübbenau, der Bahnhof liegt rund 15 Gehminuten vom Hafen entfernt. Das macht den Spreewald zu einem der wenigen Ausflugsziele, die sich von der Hauptstadt aus komplett ohne Auto erschließen lassen, Fahrrad inklusive, das man im Zug mitnehmen kann.

Übernachten muss man nicht zwingend. Als Tagesausflug funktioniert die Region gut, gerade wenn man früh losfährt und den Nachmittag auf dem Wasser verbringt. Wer doch bleibt, findet in Burg ruhigere Pensionen als im trubeligen Lübbenau, ab etwa 70 Euro die Nacht für zwei Personen. An einem Julitag, an dem die Stadt glüht, ist eine Nacht zwischen den Fließen jeden Cent wert.

Was man neben dem Wasser noch macht

Der Spreewald ist nicht nur Kahn und Gurke. Das Freilandmuseum Lehde zeigt, wie die Menschen hier vor hundert Jahren in den reetgedeckten Höfen lebten, und der Eintritt kostet rund 8 Euro. Für Familien mit Kindern lohnt sich das, weil man die alten Werkzeuge anfassen und die niedrigen Stuben betreten darf, statt nur Schilder zu lesen.

Wer es aktiver mag, leiht ein Fahrrad und fährt den Gurkenradweg ab, eine rund 260 Kilometer lange Route, von der man problemlos kurze Tagesabschnitte herauspicken kann. Die Wege sind flach, das Land ist es ohnehin, und alle paar Kilometer steht ein Hofladen mit kalter Limonade. An einem heißen Tag fährt man am besten morgens und ruht mittags im Schatten, statt sich um zwei Uhr durch die pralle Sonne zu quälen.

Ein letzter ehrlicher Hinweis: Wer Trubel und Animation sucht, ist hier falsch. Der Spreewald ist langsam, und das ist sein ganzer Sinn. Man kommt nicht für ein Programm, man kommt, um auf dem Wasser zu sitzen und nichts zu tun.