Ostsee

Hiddensee: Deutschlands autofreie Insel vor Rügens Westküste

Auf Hiddensee fährt seit den 1920er-Jahren kein privates Auto – nur Fahrrad, Kutsche und der Fährplan bestimmen das Tempo. Ein Insel-Guide für den Hochsommer.

Hiddensee: Deutschlands autofreie Insel vor Rügens Westküste

Der Fährmann rollt das Tau ein, der Kran hievt zwei Fahrräder und einen Kinderwagen an Bord, und dann ist Schluss mit Motorenlärm – bis zur Rückfahrt am Abend hören Sie auf Hiddensee vor allem Wind, Möwen und das Knirschen von Fahrradreifen auf Sandwegen. Wer von Schaprode auf Rügen kommend zum ersten Mal in Vitte anlegt, sucht instinktiv nach einem Parkplatz. Es gibt keinen. Es gab hier seit 1929 nie einen, von ein paar Ausnahmen abgesehen, und genau das ist der Grund, warum diese schmale Insel westlich von Rügen sich anders anfühlt als fast jeder andere Küstenort an der deutschen Ostsee.

Anreise: Ohne Fähre geht hier gar nichts

Die Reederei Hiddensee betreibt die Hauptverbindung ab Schaprode, dem westlichsten Fährhafen Rügens. Die Überfahrt nach Vitte dauert je nach Route und Wetter zwischen 25 und 45 Minuten, eine Rückfahrkarte kostet für Erwachsene in der Hochsaison meist zwischen 25 und 30 Euro. Wer mehr Zeit mitbringt, startet stattdessen in Stralsund – dort dauert die Fahrt gut zwei Stunden, dafür entfällt die Parkplatzsuche in Schaprode komplett, die im August durchaus zur Geduldsprobe wird. Wir empfehlen, den ersten Kutter am Morgen zu nehmen: Die Mittagsschiffe sind im Juli und August regelmäßig ausgebucht, und wer erst um 14 Uhr ankommt, verliert den halben Tag.

Fahrräder dürfen mit, Autos nicht – auch nicht für die eine Nacht im Hotel. Gepäck, das zu schwer für den Lenker ist, übernimmt gegen Gebühr ein Pferdefuhrwerk vom Kai bis zur Unterkunft, ein System, das auf der Insel seit Generationen funktioniert und das Reisende aus Städten mit Lieferdienst-Mentalität zunächst irritiert und dann meistens begeistert. Wer mit der Bahn anreist, kann in Stralsund ein Kombiticket aus Zugfahrt und Fähre lösen; das spart an vollen Sommertagen nicht nur Geld, sondern auch das mühsame Anstehen an zwei getrennten Schaltern.

Warum es hier keine Autos gibt

Das Verbot ist keine touristische Inszenierung, sondern älter als die meisten Ferienhäuser der Insel. Ausnahmen gelten für Feuerwehr, Notarzt, Handwerker mit Sondergenehmigung und die Landwirtschaft in Kloster und Neuendorf – deren Fahrzeuge sind meist elektrisch oder zumindest auffällig leise unterwegs. Alles andere bewegt sich auf zwei Rädern, vier Hufen oder zu Fuß, und auf einer Insel, die an ihrer schmalsten Stelle bei Vitte kaum 250 Meter breit ist, reicht das auch völlig aus.

Die einzigen Motoren, die man regelmäßig hört, gehören dem Milchwagen und der Müllabfuhr.

Kloster: die Künstlerkolonie im Norden

Kloster ist das älteste und literarisch aufgeladenste der drei Dörfer. Gerhart Hauptmann, Nobelpreisträger von 1912, verbrachte hier jeden Sommer und liegt auf dem Inselfriedhof begraben; sein Sommerhaus beherbergt heute das Gerhart-Hauptmann-Haus mit einer kleinen, sehenswerten Dauerausstellung. Auch die dänische Stummfilmschauspielerin Asta Nielsen besaß in Kloster ein Haus, und wer durch die engen Gassen zwischen den reetgedeckten Kapitänshäusern schlendert, versteht schnell, warum Maler und Schriftsteller sich hier ein Jahrhundert lang eingenistet haben.

Vitte: der Hafenort mit Supermarkt

Vitte hat tatsächlich einen Supermarkt.

Das ist auf einer autofreien Insel keine Selbstverständlichkeit, und für alle, die ihren Inselaufenthalt nicht komplett auf Fisch aus dem Räucherwagen stützen wollen, eine echte Erleichterung. Vitte ist zugleich der administrative Mittelpunkt der Insel mit Ärztehaus, Sparkassen-Automat und den meisten Pensionen – wer keine Lust auf lange Fahrradwege hat, findet hier die pragmatischste Basis, verzichtet dafür aber auf die Ruhe der nördlichen und südlichen Dörfer. Am Hafen reihen sich trotzdem mehrere Räucherstände, an denen ein Fischbrötchen meist zwischen 5 und 7 Euro kostet – Zander und Hering aus den Bodden gelten unter Stammgästen als die verlässlichere Wahl gegenüber importiertem Lachs.

Neuendorf: das Fischerdorf im Süden

Neuendorf liegt am schmalsten Abschnitt der Insel, umgeben von Wiesen statt Wald, und wirkt selbst im August oft wie ausgestorben. Die schnurgerade Dorfstraße mit den identisch gebauten Fischerhäusern – eine planmäßige Anlage aus dem 19. Jahrhundert – ist von der Ost- wie von der Westseite in wenigen Gehminuten erreichbar. Für einen ruhigen Nachmittag zwischen zwei Stränden ist das die bessere Wahl als Vitte.

Dornbusch: Leuchtturm und Steilküste

Am Dornbusch im Norden erreicht Hiddensee mit gut 70 Metern seinen höchsten Punkt, und von dort oben reicht der Blick bei klarer Sicht bis zur Steilküste Rügens und zur vorgelagerten Insel Bock. Der 1888 erbaute Leuchtturm ist zwar nicht regulär zu besteigen, doch der halbstündige Fußweg vom Klosterer Ortsrand durch knorriges Kiefernwäldchen und offene Heideflächen lohnt sich allein wegen der Abbruchkanten, an denen die Ostsee seit Jahrhunderten am Steilufer nagt. Feste Schuhe sind hier keine Empfehlung, sondern Voraussetzung – der Weg ist an mehreren Stellen wurzeldurchzogen und nach Regen rutschig.

Baden und Wattwandern

Die Westseite der Insel, zwischen Vitte und Neuendorf, bietet flachen, feinsandigen Strand mit vergleichsweise warmem, geschütztem Wasser – ideal für Familien und alle, die keine Wellen suchen. Die Ostseite dagegen ist rauer, mit steinigem Untergrund und spürbarer Brandung bei auflandigem Wind; dort baden nur Ortskundige und geübte Schwimmer. Zwischen beiden Küsten liegt bei Ebbe streckenweise Watt frei, das zum Wandern einlädt, allerdings mit Vorsicht: Die Gezeiten an der Ostsee sind schwach, aber nicht null, und wer die Rückkehr der Fähre verpasst, übernachtet notgedrungen auf der Insel – was, ehrlich gesagt, auch kein schlechtes Los ist.

Große Teile der Insel gehören seit 1990 zum Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft, weshalb abseits der markierten Wege striktes Betretungsverbot gilt – wer durch die Dünen abkürzt, um schneller ans Wasser zu kommen, riskiert ein Bußgeld und zertrampelt genau die Vegetation, die die Steilküste vor schnellerer Erosion schützt. Halten Sie sich an die ausgeschilderten Pfade, auch wenn der direkte Weg über die Wiese verlockend aussieht.

Autofrei bedeutet nicht menschenleer

Hier lohnt sich Ehrlichkeit: Autofrei heißt auf Hiddensee im Juli und August nicht automatisch ruhig. Die Fähren aus Schaprode sind an schönen Tagen so voll, dass Tagesgäste in Vitte teilweise Schlange stehen, bevor sie überhaupt ein Fahrrad leihen können, und der schmale Weg zum Dornbusch-Leuchtturm wird zur Mittagszeit regelrecht zur Prozession. Wer die Insel wirklich in Ruhe erleben will, übernachtet mindestens zwei Nächte und nutzt die Stunden nach der letzten Tagesfähre am späten Nachmittag, wenn Kloster und Vitte sich innerhalb von zwanzig Minuten spürbar leeren. Neuendorf im Süden bleibt selbst dann meist ruhig, wenn im Norden kein Tisch im Café mehr frei ist.

Praktisch: Räder, Preise, Packliste

Fahrradverleiher gibt es in allen drei Dörfern, Tagesraten liegen meist zwischen 10 und 15 Euro für ein Standardrad, E-Bikes kosten entsprechend mehr. Bargeld sollten Sie mitbringen – nicht jeder Kiosk und nicht jede Pension am Rand der Dörfer akzeptiert Karte, und der einzige Geldautomat der Insel steht in Vitte. Auch im Hochsommer gehört eine Windjacke in den Rucksack: Auf offener Insel ohne schützenden Wald bläst der Wind selbst an warmen Tagen spürbar, besonders am Dornbusch und auf dem Weg nach Neuendorf.

  • Gepäcktransport vom Kai zur Unterkunft: gegen Gebühr per Pferdefuhrwerk, am besten vorab bei der Pension anmelden
  • Unterkünfte sind Monate im Voraus ausgebucht, besonders in Kloster – wer im Juli spontan bucht, landet oft in Vitte oder auf dem Festland
  • Radwege sind größtenteils unbefestigt; ein Rad mit breiteren Reifen fährt sich auf Sand deutlich entspannter, worüber sich auch erfahrene Radfahrer manchmal erst nach den ersten hundert Metern klar werden
  • Verzichten Sie auf Anreisepläne mit knapper Umsteigezeit in Stralsund – Verspätungen bei Bahn und Fähre summieren sich gerne

Am Abend, wenn die letzte Tagesfähre abgelegt hat, gehört die Insel wieder denen, die geblieben sind. Aus den Gärten in Kloster zieht Räucherfischduft über die Dorfstraße, in Vitte klappern die letzten Fensterläden der Pensionen, und über dem Dornbusch dreht der Leuchtturm sein Licht, als hätte sich seit hundert Jahren nichts verändert – was, bis auf die Fährpreise, ziemlich genau stimmt.