Schweiz

Oberengadin im Hochsommer: Bergseen in Graubünden statt überfüllter Gardasee-Ufer

Drei Seen auf 1800 Metern Höhe, kühles Wasser und stille Wanderwege: warum das Oberengadin im Hochsommer die bessere Alternative zum überfüllten Gardasee ist.

Oberengadin im Hochsommer: Bergseen in Graubünden statt überfüllter Gardasee-Ufer

Ende Juli steht der Verkehr auf der Fernpassstraße wieder für Stunden, und am Gardasee kämpfen Feriengäste um jeden freien Meter Ufer, während die Wassertemperatur mittlerweile eher an eine Badewanne als an einen Bergsee erinnert. Wer im Hochsommer trotzdem baden, wandern und abends ruhig auf einer Terrasse sitzen möchte, sollte den Blick von Norditalien weg und Richtung Graubünden lenken. Im Oberengadin, auf gut 1800 Metern Höhe, liegen drei Seen dicht beieinander, die sich im August selten über 18 Grad Wassertemperatur erwärmen und trotzdem an sonnigen Nachmittagen voller Leben stecken. Der Silvaplanersee, der Silsersee und der St. Moritzersee bilden zusammen eine Kette aus Wasser, Fels und Lärchenwald, die mit dem überlaufenen Gardasee-Ufer wenig gemeinsam hat außer der schieren Schönheit. Zwischen den Ferienorten liegen kaum mehr als zwölf Kilometer, sodass sich die drei Seen in einem einzigen Tagesausflug mit dem Postauto oder dem Velo verbinden lassen. Und wer einmal im Fextal gestanden hat, ohne ein einziges Auto zu hören, versteht schnell, warum viele Schweizer selbst genau hierhin fahren, wenn sie dem eigenen Sommertourismus entkommen wollen.

Drei Seen auf 1800 Metern: kühler als der Gardasee, näher als man denkt

Die Höhenlage macht den Unterschied. Während der Gardasee im Juli und August tagsüber locker 28 bis 30 Grad Lufttemperatur erreicht und das Wasser entsprechend mitzieht, bleibt es im Oberengadin auch an heißen Tagen selten über 24 Grad – nachts kühlt es auf 10 bis 12 Grad ab, was für erholsamen Schlaf sorgt, den man am Gardasee in der Hochsaison oft vergeblich sucht. Die Anreise von München dauert mit dem Auto über den Fernpass und den Julierpass gut fünf Stunden, mit der Bahn ab Zürich über Chur knapp dreieinhalb – kürzer, als viele erwarten, wenn sie an die Schweizer Alpen denken. Hinzu kommt, dass in Graubünden auch im August Romanisch gesprochen wird, die vierte Landessprache der Schweiz, die man auf Ortsschildern wie Silvaplauna oder Segl Maria noch vor dem deutschen Namen liest.

Lej da Silvaplauna: Segelboote, Kitesurfer und der Malojawind

Am Nachmittag dreht auf dem Silvaplanersee zuverlässig der Wind. Kalte Luft strömt vom Malojapass ins Tal hinunter, trifft auf die wärmere Luft über dem Wasser und erzeugt zwischen 13 und 17 Uhr fast täglich einen thermischen Wind mit 15 bis 25 Knoten – Bedingungen, für die Windsurfer und Kitesurfer aus halb Europa anreisen. Allerdings weht der Malojawind nicht jeden Tag zuverlässig: An bewölkten oder ungewöhnlich kühlen Tagen bleibt die Fläche spiegelglatt, was Einsteiger enttäuschen kann, Sonnenanbetern am Ufer aber nur recht ist. Ein Tageskurs bei einer der Surfschulen direkt am Ufer kostet meist zwischen 180 und 220 Franken, Materialverleih ist separat ab etwa 60 Franken pro Tag zu haben. Wer selbst nicht ins Wasser will, fährt mit der Gondel auf den Corvatsch, dessen Bergstation auf 3303 Metern liegt und von der aus man bei klarer Sicht bis zum Berninamassiv und weit nach Italien hineinschaut.

Silsersee und das Fextal: die stille Seite des Engadins

Nur wenige Kilometer weiter liegt der Silsersee, ruhiger und dunkler als sein Nachbar, mit dem kleinen Ort Sils Maria am Ufer, wo Friedrich Nietzsche zwischen 1881 und 1888 sieben Sommer verbrachte und wo sein Wohnhaus heute als Museum besichtigt werden kann. Von Sils aus führt eine schmale Straße ins Fextal, die im Sommer für den privaten Autoverkehr gesperrt ist – wer hinein möchte, geht zu Fuß, fährt mit dem Fahrrad oder nimmt eine der Pferdekutschen, die ab dem Dorfeingang verkehren. Das Tal endet nach rund zwei Stunden Fußweg am Fexgletscher, und wer unterwegs anhält, hört tatsächlich nichts außer Wasser, Kuhglocken und gelegentlich den Ruf eines Alpenschneehuhns. Genau diese Stille, ohne Motorenlärm und ohne Reisebusse, unterscheidet das Engadin von den überlaufenen Gardasee-Uferorten, in denen im August selbst die Seitengassen nach Sonnencreme und Menschenmassen riechen.

St. Moritz: teurer Ruf, günstigere Realität

Muss es aber nicht.

St. Moritz hat als Nobelort zweifelhaften Ruhm erlangt – hier fanden 1928 und 1948 die Olympischen Winterspiele statt, und die Pelzmäntel vor dem berühmten Grandhotel am Seeufer prägen bis heute das Bild, das viele Deutsche und Österreicher von der Stadt haben. Im Sommer sieht das anders aus: Wer im benachbarten Pontresina, in Celerina oder in Sils übernachtet, zahlt für ein einfaches Doppelzimmer oft 120 bis 180 Franken pro Nacht statt der 300 Franken und mehr, die man im Zentrum von St. Moritz für vergleichbaren Komfort einplanen sollte. Wer noch weiter sparen will, findet auf dem TCS-Campingplatz in Samedan einen Stellplatz für Zelt oder Wohnmobil ab rund 25 Franken pro Nacht, mit direktem Bahnanschluss ins gesamte Tal. Wir empfehlen, die erste Nacht in St. Moritz selbst zu verbringen, allein wegen des Blicks vom Ufer bei Sonnenuntergang, und die übrigen Nächte in einem der günstigeren Nachbardörfer zu verbringen – der Bahnhof ist ohnehin überall nur wenige Minuten entfernt. Verzichten Sie dabei auf Zimmer mit Seeblick direkt im Zentrum, wenn das Budget knapp ist: Der Aufpreis lohnt sich in den seltensten Fällen. Einkaufen lässt sich günstig bei Coop oder Migros in Samedan, während Feinkostläden in St. Moritz für dieselbe Flasche Wein gut und gerne das Doppelte verlangen.

Anreise: mit der Bahn durch die Alpen statt Stau vor dem Gardasee

Die Rhätische Bahn verbindet St. Moritz über die Berninalinie mit Tirano in Italien, eine Strecke, die seit 2008 zum UNESCO-Welterbe zählt und die auf über 2253 Metern Höhe den Berninapass überquert, ohne einen einzigen Tunnel unter dem Gipfel zu benötigen. Wer weiterreisen möchte, steigt in St. Moritz in den Glacier Express Richtung Zermatt um, eine rund achtstündige Fahrt durch Graubünden und das Wallis, für die eine Reservierung Pflicht ist und die je nach Saison und Wagenklasse zwischen 160 und 280 Franken zuzüglich Bahnfahrpreis kostet. Aus Deutschland und Österreich erreicht man das Tal am unkompliziertesten über Zürich mit dem Halbtax oder dem Swiss Travel Pass, mit Umstieg in Chur auf die Albulalinie – insgesamt selten mehr als fünfeinhalb Stunden ab München. Planen Sie für diese Fahrt genügend Zeit ein: Die Strecke ist grandios, aber nichts für Reisende, die es eilig haben. Für alle, die trotzdem mit dem Auto anreisen, gilt: Die Schweizer Autobahnvignette kostet pauschal 40 Franken für das ganze Jahr und ist an jeder Grenztankstelle erhältlich, was verglichen mit den Stauzeiten auf der Fernpassstraße im August fast schon nebensächlich wirkt. Wer aus Österreich kommt, etwa aus Innsbruck oder Bregenz, umfährt den Fernpass am besten großräumig über den Reschenpass und das Vinschgau und erreicht so den Malojapass von Süden her, eine Route, die zwar rund eine Stunde länger dauert, dafür aber fast immer staufrei bleibt. Wichtig für Bahnreisende aus Österreich: Der ÖBB-Railjet nach Zürich mit Anschluss über Chur ist meist günstiger als eine Direktbuchung ab St. Moritz, sofern man mindestens drei Tage im Voraus bucht.

Kulinarik im Tal: Bündner Küche statt italienischer Trattoria

Wer aus Norditalien anreist, erwartet vielleicht Pasta und Pizza – im Engadin kommt stattdessen Bündner Hausmannskost auf den Tisch, und das ist keineswegs die schlechtere Wahl. Capuns, mit Spätzleteig gefüllte und in Mangoldblätter gewickelte Röllchen, stehen in fast jeder Beiz zwischen 24 und 32 Franken auf der Karte, dazu passt ein Glas Veltliner aus dem nahen Puschlav. Pizokel, eine Art Buchweizen-Spätzli mit Speck, Zwiebeln und Bergkäse, kosten ähnlich viel und sättigen nach einer langen Wanderung zuverlässiger als jedes Tiramisu am Gardasee-Ufer. Zum Dessert gehört die Bündner Nusstorte, ein mit Karamell und Walnüssen gefüllter Mürbeteigkuchen, den man in fast jeder Bäckerei von Samedan bis Maloja bekommt – ein Stück kostet selten mehr als 6 Franken und hält sich, gut verpackt, sogar für die Rückreise. Restaurants direkt am Silvaplanersee verlangen für ein einfaches Mittagsmenü zwischen 28 und 45 Franken, deutlich weniger dagegen kosten die Verpflegungsstationen entlang der Wanderwege, an denen Bauernfamilien Alpkäse, Trockenfleisch und selbstgebackenes Brot direkt ab Hof verkaufen. Diese Alpkäse-Stationen, meist nur mit einer Kasse des Vertrauens ausgestattet, sind für viele Wanderer der eigentliche kulinarische Höhepunkt des Tals, noch vor jedem Sternerestaurant in St. Moritz.

Wandern am Wasser: drei Routen für unterschiedliche Ansprüche

Die Wege rund um die drei Seen unterscheiden sich deutlich in Länge und Anspruch, und nicht jede Route eignet sich für jeden Reisetyp:

  • Seenrunde Silvaplana–Sils (rund 12 km, flach, 3–4 Stunden): der Klassiker entlang beider Ufer, geeignet für Familien und für alle, die lieber schlendern als klettern.
  • Fextal bis zum Gletscher (14 km hin und zurück, leichte Steigung): Wer früh am Morgen startet, hat die schönsten Lichtstimmungen meist für sich allein, bevor die Tagesgäste aus St. Moritz eintreffen.
  • Corvatsch-Höhenweg (ab der Bergstation auf 3303 m, mittelschwer, Trittsicherheit erforderlich): der anspruchsvollste der drei, dafür mit Panoramablick bis zum Berninamassiv.

Wer noch mehr will, verlängert den Ausflug bis zur Diavolezza – aber das ist, wie man im Tal sagt, schon wieder eine andere Geschichte für einen anderen Tag. Planen Sie den Besuch ohnehin am besten zwischen Anfang Juli und Mitte September, wenn die Passstraßen schneefrei sind und die Bergbahnen durchgehend fahren; Ende August wird es abends bereits spürbar kühl, und ein Pullover gehört selbst tagsüber ins Rucksackfach. Am Gardasee wird zur gleichen Zeit noch immer um jeden Parkplatz gekämpft. Im Oberengadin sitzt man um neun Uhr abends mit einem Glas Veltliner auf der Terrasse, hört das Wasser gegen die Uferkiesel schlagen und braucht keine einzige App, um einen freien Sonnenschirm zu finden – es gibt schlicht keine.