Die letzte Fähre nach Cala Luna legt Ende September noch ab, aber sie ist halb leer. An Bord sitzen keine Familien mehr, die aufblasbare Flamingos gegen den Wind verteidigen, sondern ein paar deutsche Wanderer mit zerschlissenen Rucksäcken und ein italienisches Paar, das den Sommer erkennbar schon hinter sich gelassen hat. Das Wasser unter dem Rumpf ist so klar, dass man den Schatten des Kiels über den Sandgrund gleiten sieht, während sich die Kalksteinwände des Golfo di Orosei senkrecht aus dem Meer erheben – dreihundert Meter hoch, von der Mittagssonne in ein stumpfes Ockergelb getaucht. Im August wäre diese Überfahrt ein Gedränge aus Sonnenschirmen und Bluetooth-Lautsprechern gewesen. Jetzt, in der zweiten Septemberhälfte, ist sie fast still.
Die Ogliastra, die Provinz an Sardiniens Ostflanke zwischen Baunei im Norden und Tertenia im Süden, gehört zu den Regionen der Insel, die im Hochsommer schlicht überfordert sind. Cala Gonone platzt im Juli und August aus allen Nähten, die Boote zum Golfo di Orosei sind Wochen im Voraus ausgebucht, und wer ohne Reservierung anreist, sieht die berühmten Buchten bestenfalls von Weitem. Der September dreht dieses Bild um, ohne dass die Landschaft dabei etwas von ihrer Wucht verliert. Und anders als an der Costa Smeralda im Norden, wo die Preise auch außerhalb der Saison hoch bleiben, ist die Ogliastra selbst im Juli nie wirklich glamourös gewesen – hier ging es immer um die Felsen, das Wasser und die Stille dazwischen, nicht um Beach-Clubs.

Warum der September die bessere Wahl ist
Nach Ferragosto, dem 15. August, leert sich Sardinien schlagartig – italienische Familien fahren zurück, die Campingplätze an der Küste räumen die halbe Belegung, und die Preise für Fährüberfahrten und Bootstouren sinken spürbar. Das Meer bleibt davon unbeeindruckt: Die Wassertemperatur im Golfo di Orosei liegt Mitte September noch bei etwa 23 bis 24 Grad, kaum kühler als im August, während die Luft nachts erträglicher wird und Wanderungen wieder möglich sind, die im Juli schlicht zu heiß gewesen wären. Wir empfehlen den Zeitraum zwischen dem 12. und dem 26. September – danach schließen viele Strandbars in Cala Gonone und Santa Maria Navarrese für die Saison, und die Bootsfrequenz dünnt spürbar aus.
Die Buchten des Golfo di Orosei
Drei Namen tauchen in jedem Gespräch über die Ostküste auf, und sie verdienen den Ruf aus unterschiedlichen Gründen. Cala Goloritzé, seit 1995 Naturmonument, liegt unterhalb eines freistehenden Kalksteinpfeilers namens Punta Caroddi und ist per Boot nur mit Genehmigung und begrenzter Besucherzahl zugänglich – wer schwimmen will, muss vom Ankerplatz aus ins Wasser. Cala Mariolu besticht durch ihren Kies, der je nach Lichteinfall zwischen Rosa und Weiß wechselt, weil er aus zerriebenem Granit und Kalkstein besteht. Cala Luna dagegen ist die zugänglichste der drei, mit einer Höhle im Rücken des Strands und einem kleinen Bach, der im Frühjahr noch Süßwasser führt, im September aber meist versiegt ist.
Mit dem Boot ab Cala Gonone
Von der Marina in Cala Gonone legen mehrere Anbieter Ausflugsboote ab, die je nach Route zwischen 35 und 55 Euro pro Person kosten – ein Halbtagesausflug zu Cala Luna und Cala Sisine liegt am unteren Ende, eine Tour bis Cala Goloritzé mit längerer Fahrzeit am oberen. Tickets kauft man am besten einen Tag vorher direkt an den Kiosken am Hafen, nicht online über Drittanbieter, die teils überhöhte Gebühren aufschlagen. Santa Maria Navarrese, weiter südlich, bietet dieselben Ziele mit kürzerer Anfahrt, dafür kleineren Booten und weniger Abfahrten pro Tag. Wer an Cala Gonone selbst vorbeifährt, sollte einen kurzen Stopp an der Grotta del Bue Marino einplanen, einer der größten Meereshöhlen Europas, benannt nach der Mönchsrobbe, die hier bis in die 1990er-Jahre gesichtet wurde und inzwischen an dieser Küste als verschwunden gilt; ein Teil der Höhle ist mit Führung begehbar, der Rest bleibt Tauchern mit Spezialausrüstung vorbehalten.
Wo übernachten
Cala Gonone selbst ist touristisch geprägt und im September noch gut gebucht, bietet dafür aber die kürzesten Wege zu den Bootsanlegern. Ein Doppelzimmer in einer der kleineren Pensionen kostet zu dieser Jahreszeit zwischen 80 und 130 Euro pro Nacht, deutlich weniger als die 150 bis 220 Euro, die im Hochsommer für dieselben Zimmer aufgerufen werden. Wer es ruhiger mag, weicht nach Baunei oder auf eines der Agriturismi im Hinterland aus – Höfe, die neben Übernachtung auch Abendessen aus eigener Landwirtschaft anbieten, meist im Halbpensionspreis inbegriffen. Der Nachteil: von dort sind es täglich zwanzig bis dreißig Minuten Autofahrt hinunter zur Küste, was bei einem einzigen Bootsausflug kaum ins Gewicht fällt, bei mehreren Tagen am Meer aber lästig werden kann. Santa Maria Navarrese liegt dazwischen – ein kleinerer, ruhigerer Küstenort mit eigenem Hafen, weniger Hotelbetten, aber auch weniger Betrieb am Abend. Für einen ersten Besuch ist Cala Gonone die praktischere Basis; wer die Region bereits kennt, findet in Baunei die authentischere.
Wandern statt Baden – der Selvaggio Blu
Der Selvaggio Blu duldet keine Anfänger.
Sardiniens berühmtester Weitwanderweg zieht sich über rund 45 Kilometer entlang der Steilküste zwischen Santa Maria Navarrese und Pedra Longa und gilt gemeinhin als der anspruchsvollste markierte Trail Italiens. Mehrere Abschnitte führen über Klettersteig-Passagen mit Seil und Klettergurt, andere verlangen Abseilen über Felskanten, für die man ohne Bergführer schlicht nicht weiterkommt – die Region hat den freien Zugang zu den schwierigsten Etappen inzwischen an geführte Touren gebunden, nachdem es wiederholt zu Rettungseinsätzen kam. Wer die komplette Route in vier bis fünf Tagen gehen will, bucht einen lizenzierten Guide über die Bergführervereinigungen in Baunei; Alleingänger ohne Klettererfahrung sollten sich stattdessen an den Zugang von der Hochebene Golgo halten, von der aus ein zwei- bis dreistündiger Abstieg direkt zur Cala Goloritzé führt, ohne Seilsicherung, aber mit stellenweise ausgesetzten Passagen und festem Schuhwerk als Minimum.
Das Golgo-Plateau selbst lohnt einen eigenen Stopp, ganz unabhängig vom Abstieg zur Küste. Es ist eine der wenigen Hochflächen Sardiniens, auf der noch halbwild lebende Rinder und Pferde grasen, und die Wasserstelle Su Sterru – ein über 250 Meter tiefer Karsttrichter – gilt als einer der tiefsten bekannten Schächte der Insel. Im September, wenn die Hitze nachlässt, ist der Weg über das Plateau angenehm zu gehen; im Juli würde man ihn kaum ohne Sonnenschutz und mehrere Liter Wasser überstehen.
Ogliastra abseits der Küste
Wer nur die Buchten sieht, verpasst den eigentlichen Grund, warum die Ogliastra unter Ernährungswissenschaftlern einen Namen hat, der nichts mit Stränden zu tun hat: Sie zählt zu den fünf sogenannten Blue Zones der Welt, Regionen mit einer auffällig hohen Zahl an Hundertjährigen. Dörfer wie Talana, Villagrande Strisaili oder Arzana in den Bergen hinter der Küste haben eine Bevölkerungsstruktur, die Forscher seit Jahrzehnten untersuchen – Bewegung im Alltag, eine karge, pflanzenbasierte Küche und starke soziale Netze werden regelmäßig als Faktoren genannt, auch wenn die genaue Ursache bis heute diskutiert wird.
Die Küche selbst ist ein guter Grund, einen Abend von der Küste ins Hinterland zu fahren. Culurgiones, gefüllte Teigtaschen aus Kartoffeln, Pecorino und Minze, gehören zu den Gerichten, die es außerhalb Sardiniens kaum in guter Qualität gibt. Dazu passt pane carasau, das hauchdünne, knusprige Fladenbrot, das ursprünglich für Hirten gebacken wurde, die wochenlang mit den Herden unterwegs waren. Und wer Rotwein mag, sollte Cannonau probieren, eine kräftige, tanninreiche Sorte, die in der Ogliastra auf steilen Terrassen wächst und deutlich weniger bekannt ist als der Vermentino von der Nordküste – zu Unrecht, wie ein Abend in einer der Agriturismi bei Baunei schnell zeigt.
Wer sich für Geschichte interessiert, stößt in der Ogliastra fast beiläufig auf Nuraghi – die kegelförmigen Steintürme aus der Bronzezeit, von denen es auf ganz Sardinien mehr als siebentausend geben soll, viele davon bis heute nicht systematisch ausgegraben. Der Nuraghe Serbissi bei Osini etwa liegt direkt an einer Wanderstrecke und wird selten von mehr als einer Handvoll Besuchern gleichzeitig besucht, ganz anders als die bekannteren Anlagen im Landesinneren um Barumini, die auf der Unesco-Welterbeliste stehen und entsprechend mehr Publikum anziehen. Wer keine Lust auf Warteschlangen hat, findet in der Ogliastra genau die Art von Ruine, die sich noch wie eine eigene Entdeckung anfühlt.
Ganz reibungslos läuft die Nebensaison allerdings nicht. Restaurants in den Bergdörfern reduzieren ab Ende September ihre Öffnungszeiten, manche schließen unter der Woche komplett, und wer spontan losfährt, findet nicht überall einen Tisch. Wer flexibel bleibt und vorher kurz anruft, statt einfach vorbeizufahren, erspart sich die Enttäuschung vor einer verschlossenen Tür.
Praktische Hinweise für September
Der nächste Flughafen ist Olbia im Norden, von dort sind es rund 100 Kilometer bis Cala Gonone, meist über kurvige Bergstraßen mit anderthalb bis zwei Stunden Fahrzeit. Cagliari im Süden liegt weiter entfernt, hat dafür aber mehr Direktverbindungen aus deutschsprachigen Städten und eignet sich gut, wenn man die Reise mit einem Abstecher in den Süden der Insel verbinden will. Ein Mietwagen ist praktisch unverzichtbar – der öffentliche Nahverkehr in der Ogliastra ist auf wenige Buslinien beschränkt, die außerhalb der Hauptsaison seltener fahren.
Ein Wort zum Wind: Der Maestrale, der kräftige Nordwestwind, kann im September ohne große Vorwarnung auffrischen und Bootsausflüge kurzfristig ausfallen lassen – die Betreiber in Cala Gonone sagen Touren meist erst am Morgen selbst ab, wenn die Wellenhöhe vor der Küste feststeht. Planen Sie deshalb mindestens vier Nächte ein, wenn Sie sowohl eine Bootstour als auch eine Wanderung unternehmen wollen: Bei nur zwei oder drei Tagen reicht ein einziger windiger Morgen, um die Hälfte des Programms zu kippen. Wer nur wenige Tage Zeit hat, sollte deshalb keinen einzigen Tag fest verplanen, sondern einen Puffertag einbauen, an dem sich der Bootsausflug notfalls nachholen lässt. Ab Anfang Oktober stellen die meisten Anbieter den Betrieb ohnehin ein, und die Buchten am Golfo di Orosei sind dann nur noch für jene erreichbar, die bereit sind, zu Fuß hinunterzusteigen.