Kurz nach acht Uhr morgens liegt der Bleder See noch fast unbewegt da, Nebelschwaden hängen über dem Wasser, und die erste Pletna-Bootsfahrerin zieht ihr Boot ans Ufer, ohne dass eine einzige Reisegruppe wartet. Vor sechs Wochen war das an dieser Stelle undenkbar: Im Hochsommer stauen sich hier ab neun Uhr die Busse aus Bled, Ljubljana und sogar Zagreb, und für einen Platz auf einem der traditionellen Ruderboote zur Insel muss man mit vierzig Minuten Wartezeit rechnen. Im September ist davon nichts mehr zu spüren, und genau das macht diesen Monat zur eigentlichen Hauptsaison für alle, die den See so erleben wollen, wie ihn slowenische Familien seit Generationen kennen.
Warum der September die ehrlichere Jahreszeit für Bled ist
Die Wassertemperatur liegt Anfang September noch bei angenehmen 20 bis 22 Grad, während die Luft tagsüber selten über 24 Grad steigt — ideal zum Wandern, ohne dass man sich abends an den Terrassen von Straža nach Schatten sehnt. Die Zimmerpreise am See fallen gegenüber Juli und August spürbar: Ein Doppelzimmer im Grand Hotel Toplice kostet außerhalb der Ferienzeit oft 40 bis 60 Euro weniger pro Nacht, und selbst die einfacheren Pensionen in Zaka oder Mlino haben ab Mitte September wieder freie Termine, ohne dass man Wochen im Voraus buchen müsste. Wer sich die berühmte Blejska kremšnita gönnen will, jene Cremeschnitte, die im Café am Schlosshügel seit den Fünfzigerjahren nach demselben Rezept gebacken wird, zahlt dafür rund 3,80 Euro und kann sie in Ruhe genießen, statt sie im Stehen zwischen zwei Reisebussen zu essen. Auch die Wanderwege rund um den See profitieren vom geringeren Andrang: Der Rundweg um das Ufer, knapp sechs Kilometer lang und in gut anderthalb Stunden zu schaffen, führt im Juli häufig an aufgestauten Gruppen entlang, während man im September wieder in seinem eigenen Tempo gehen kann. Wer den Blick von oben sucht, steigt zur Burg auf, die auf einer Felskante hoch über dem Wasser thront und deren Eintritt bei rund 18 Euro liegt — ein Preis, der im Hochsommer angesichts der Warteschlange am Kassenhäuschen kaum zu rechtfertigen wirkt, im September aber für einen ruhigen Rundgang durch Museum und Weinkeller durchaus angemessen erscheint. Selbst die Elektroboote, die man sich am Nordufer für etwa 25 Euro pro Stunde selbst mieten kann, sind ab September wieder ohne Voranmeldung verfügbar, weil die Vermieter nicht mehr jeden Slot Wochen im Voraus verplant haben.
Am eindrücklichsten zeigt sich der Unterschied auf dem Wasser selbst. Die Fahrt mit der Pletna zur Insel Bled kostet aktuell etwa 18 Euro pro Person für die Hin- und Rückfahrt, und im September teilt man sich das Boot mit vier oder fünf Leuten statt mit zwanzig. Man hört die Ruderschläge, das Klappern der Kirchenglocke von Mariä Himmelfahrt, wenn ein Paar die 99 Stufen zur Kapelle erklimmt, und dazwischen: nichts. Genau diese Stille, die im Reiseführer selten erwähnt wird, ist der eigentliche Grund, warum erfahrene Alpenreisende den Spätsommer dem Juli vorziehen.
Vintgar-Klamm ohne Gruppenandrang
Fünf Kilometer nördlich von Bled liegt die Vintgar-Klamm, ein 1,6 Kilometer langer Holzsteg über tosendes türkisfarbenes Wasser, der von Ende Juni bis August regelmäßig so überlaufen ist, dass die Betreiber zeitweise Einlassstopps verhängen. Im September öffnet die Schlucht meist bis Ende des Monats (die genauen Schließdaten hängen vom Wetter ab und werden auf der Website der Gemeinde Gorje aktuell gehalten), der Eintritt liegt bei etwa 10 bis 12 Euro, und man kann tatsächlich am Geländer stehen bleiben, ohne von hinten geschoben zu werden. Wer clever ist, startet um kurz nach Öffnung um acht Uhr — dann hat man die ersten dreißig Minuten praktisch für sich allein.
Die Julischen Alpen abseits der Sommerrouten
Der Triglav-Nationalpark, benannt nach Sloweniens höchstem Berg mit 2864 Metern, verändert sich im September spürbar. Die bewirtschafteten Berghütten entlang der klassischen Triglav-Routen, etwa die Kredarica-Hütte auf 2515 Metern, reduzieren ab Mitte des Monats ihre Öffnungszeiten und schließen meist Ende September ganz für die Saison — wer noch hinauf will, sollte vorher direkt bei der Hütte anrufen, denn verlässliche Verpflegung oben ist kein Selbstläufer mehr. Für alle, die nicht auf den Gipfel wollen, wird der Monat dafür zur besten Zeit für die tieferen Täler.
Das Soča-Tal etwa zeigt sich im September von seiner fotogensten Seite: Der Fluss führt nach dem Sommer noch genug Wasser, um seine sprichwörtliche türkise Farbe zu behalten, gleichzeitig ist das Wasser klar genug, um bei Kajak- oder Canyoning-Touren bis in den Monat hinein zu paddeln, bevor die Anbieter in Bovec und Kobarid ihre Saison Anfang Oktober beenden. Eine geführte Canyoning-Tour kostet je nach Anbieter zwischen 55 und 75 Euro, deutlich weniger als vergleichbare Touren in Österreich oder Norditalien, und die Flüsse sind, anders als im August, nicht von Dutzenden Gruppen gleichzeitig belegt.
Wer mit dem eigenen Auto unterwegs ist, sollte sich den Vršič-Pass für einen sonnigen Vormittag reservieren. Mit 1611 Metern ist er der höchste Straßenpass Sloweniens, seine 50 Kehren auf der Nordseite wurden im Ersten Weltkrieg größtenteils von russischen Kriegsgefangenen gebaut — eine der wenigen Straßen Europas, an die eine eigene Gedenkkapelle, die Ruska kapelica, direkt am Straßenrand erinnert. Im Hochsommer stehen hier an manchen Kehren Wohnmobile Stoßstange an Stoßstange; im September braucht man selten länger als eine Ampelphase, um an einer engen Stelle vorbeizukommen. Ein Wort der Vorsicht allerdings: In manchen Jahren fällt in den höheren Lagen bereits Ende September der erste Schnee, und die Passstraße wird dann kurzfristig gesperrt — wer den Vršič fest einplant, sollte die Wettervorhersage der letzten zwei, drei Tage vor der Fahrt im Blick behalten, statt sich blind auf die Reisezeit zu verlassen.
Der Bohinjer See: der ruhigere Nachbar
Wer selbst das entschleunigte Bled im September noch als zu belebt empfindet, sollte die zusätzlichen 30 Kilometer bis zum Bohinjer See fahren. Er liegt tiefer im Triglav-Nationalpark, ist mit rund 4,5 Kilometern Länge deutlich größer als Bled, hat aber keine Insel, kein Schloss und entsprechend deutlich weniger Tagestouristen. Die Save Bohinjka mündet hier klar und kalt in den See, das Wasser bleibt selbst im September so durchsichtig, dass man vom Ufer aus Forellen zwischen den Steinen erkennen kann, und ringsum ragen die Gipfel des Nationalparks fast senkrecht aus dem Wald.
Von der Ostseite des Sees führt eine Seilbahn zum Vogel-Berg hinauf, die auch außerhalb der Skisaison in Betrieb ist; die Bergstation liegt auf 1540 Metern und bietet einen der bekanntesten Panoramablicke Sloweniens auf See, Nationalpark und die Julischen Alpen dahinter. Eine Berg- und Talfahrt kostet etwa 19 Euro, und wer im September oben ankommt, hat die Aussichtsplattform oft für sich — im August dagegen bildet sich dort regelmäßig eine Warteschlange für den besten Fotoplatz. Rund um den See gibt es kaum Hotelketten, dafür kleine Pensionen und Ferienwohnungen in den Dörfern Ribčev Laz und Stara Fužina, die im Spätsommer spürbar günstiger vermieten als noch im Juli. Genau dieser Kontrast zwischen dem fotogenen, leicht überlaufenen Bled und dem stilleren, fast unfotografierten Bohinj macht eine Kombination aus beiden Seen zum eigentlichen Höhepunkt einer Septemberreise.
Ljubljana als ruhiger Ausgangspunkt
Nur eine knappe Stunde von Bled entfernt liegt die slowenische Hauptstadt, die sich im September ebenfalls von ihrer entspanntesten Seite zeigt. An der Ljubljanica, die sich in sanften Kurven durch die Altstadt zieht, sitzen abends mehr Einheimische als Touristen in den Cafés zwischen Tromostovje (der Drei-Brücken-Anlage) und dem Zentralmarkt, den der Architekt Jože Plečnik in den Dreißigerjahren maßgeblich geprägt hat. Ein Espresso kostet dort um die 1,80 bis 2,20 Euro, ein Abendessen mit Hauptgang und Getränk in einem soliden Restaurant abseits der Uferpromenade liegt bei 15 bis 20 Euro pro Person — spürbar günstiger als in Wien oder München, zwei Städten, mit denen Ljubljana gerne verglichen wird, obwohl es eigentlich sein ganz eigenes Tempo hat. Die Burg über der Altstadt erreicht man zu Fuß in etwa fünfzehn Minuten oder bequem mit der Standseilbahn für rund 10 Euro hin und zurück, und von der obersten Aussichtsplattform sieht man an klaren Septembertagen bis zu den Kammlinien der Kamniker Alpen im Norden. Der zentrale Markthallen-Bereich, an Samstagvormittagen ohnehin ein Fixpunkt für Einheimische, wird im September nicht zusätzlich von Reisegruppen überlagert, sodass man in Ruhe zwischen Käsehändlern, Honigständen und den ersten Kürbissen der Saison bummeln kann. Wer einen Tag länger bleibt, sollte sich das Nationalmuseum oder die Ausstellung im ehemaligen Kloster der Ursulinen ansehen — beide sind an gewöhnlichen Septembertagen so leer, dass man mit dem Museumspersonal ungestört ins Gespräch kommt, was im Reisealltag selten genug vorkommt, um es bewusst zu suchen.
Der Flughafen Jože Pučnik, etwa 25 Kilometer nördlich der Stadt, wird direkt von Wizz Air und Ryanair aus mehreren deutschen Städten angeflogen, unter anderem ab Berlin, Memmingen und Dortmund; Lufthansa fliegt über München. Von Ljubljana aus fahren stündlich Busse und mehrmals täglich Züge nach Bled beziehungsweise zur Station Lesce-Bled, die Fahrt dauert je nach Verbindung 40 bis 70 Minuten und kostet selten mehr als 8 Euro pro Strecke. Wer aus Süddeutschland mit dem eigenen Auto anreist, rechnet über die A8, die österreichische Tauernautobahn und die slowenische A2 mit etwa sechs bis sieben Stunden ab München — eine Strecke, die sich für einen verlängerten Wochenendtrip durchaus lohnt, wenn man die Mautvignette für Österreich und die slowenische Autobahnvignette (für eine Woche rund 8 Euro) nicht vergisst.
Was man vor der Reise wirklich wissen sollte
Ganz ohne Einschränkung ist der September allerdings nicht. Die Tage werden merklich kürzer, gegen Monatsende ist es bereits kurz nach 19 Uhr dunkel, und wer lange Wandertouren in den Julischen Alpen plant, muss die Rückkehr entsprechend früher einplanen als im Juli. Auch das Wetter ist launischer: Auf einen sonnigen, warmen Tag kann ein kühler, regnerischer folgen, in dem die Temperaturen in höheren Lagen kaum über 10 Grad klettern. Genau diese Unberechenbarkeit ist aber auch ein Teil dessen, was Slowenien im Spätsommer ausmacht — man bekommt selten zwei identische Tage hintereinander, und wer flexibel bleibt, wird dafür mit Licht belohnt, das im Hochsommer schlicht nicht existiert: tiefstehende Sonne über dem See, lange Schatten in der Vintgar-Klamm, ein erster Hauch von Herbstfarbe an den Hängen über Kranjska Gora.
Packen Sie also eine wasserdichte Jacke ein, auch wenn die Vorhersage für die ganze Woche Sonne verspricht, und buchen Sie Unterkünfte am See trotz der geringeren Nachfrage mindestens ein bis zwei Wochen im Voraus — die besten Zimmer mit Seeblick sind auch außerhalb der Hauptsaison schnell vergeben, weil zunehmend mehr Reisende genau diesen Monat für sich entdeckt haben.
Wer noch einen halben Tag übrig hat, sollte ihn ins Vipava-Tal stecken, eine gute Autostunde südwestlich von Bled. Dort beginnt Mitte September die Weinlese, die burjagebeutelten Hänge zwischen Ajdovščina und Vipava sind dann voller Erntehelfer, und in den kleinen Kellereien am Straßenrand kann man einen Rebula oder Zelen direkt beim Winzer probieren, für gewöhnlich ohne Voranmeldung und für drei bis vier Euro das Glas. Es ist kein Ersatz für einen ganzen Alpenurlaub, aber ein Nachmittag, der zeigt, wie viele verschiedene Landschaften dieses kleine Land auf engstem Raum unterbringt. Wer im September nach Bled kommt, bekommt ohnehin nicht die Postkarte, sondern den See selbst — und der ist, ganz ohne Fotofilter, der bessere Anblick.