Während an der kroatischen Adriaküste im August die Strandpromenaden aus allen Nähten platzen und Ferienwohnungen erst nach Wochen wieder freie Termine haben, bleibt keine zweieinhalb Autostunden landeinwärts eine Stadt, in der man im Café sitzen kann, ohne auf einen freien Tisch zu warten. Zagreb hat im Hochsommer wenig mit dem Bild zu tun, das die meisten Deutschen von Kroatien im Kopf haben. Keine Steilküste, kein Muschelknirschen unter den Füßen – dafür schattige Alleen, ein Markt, der morgens noch nach der Ernte riecht, und Museen, die man tatsächlich in Ruhe anschauen kann.
Warum ausgerechnet jetzt nach Zagreb
Die kroatische Hauptstadt liegt auf rund 120 Metern Höhe im pannonischen Becken, spürbar kontinentaler als Split oder Dubrovnik. Tagsüber klettert das Thermometer im August ähnlich hoch wie an der Küste, oft auf 28 bis 30 Grad, doch die Luft ist trockener, und sobald die Sonne untergeht, kühlt es merklich ab – Abende auf einer der Terrassen an der Tkalčićeva werden selten stickig. Wer schon einmal versucht hat, im August ein Hotelzimmer in Split zu buchen, kennt außerdem die zweite gute Nachricht: In Zagreb sind die Preise für Unterkünfte im Sommer eher niedriger als im Frühling oder Herbst, weil die Stadt in dieser Jahreszeit als Geschäftsreiseziel praktisch leerläuft und Städtereisende noch nicht in Massen nachrücken.
Ein weiterer Effekt: Museen, die sonst unter der Woche Reisegruppen aus Bussen empfangen, sind im August auffällig ruhig, weil die klassische Zagreb-Zielgruppe – Konferenz- und Geschäftsreisende – in dieser Zeit selbst im Urlaub ist. Wer also ohnehin an die Adria will, kann die Hauptstadt ohne Gedränge und ohne Wartezeit an der Kasse mitnehmen, statt sie für den überlaufenen Frühherbst aufzuheben.
Oberstadt und Unterstadt zu Fuß
Gornji grad, das historische Zentrum
Der Altstadtkern teilt sich in zwei Hälften, die man in einem halben Tag bequem ablaufen kann. Oben, im Gornji grad, stehen die Kirche St. Markus mit ihrem bunten Ziegeldach aus den Wappen von Kroatien, Slawonien und Zagreb sowie der barocke Lotrščak-Turm, von dem seit über hundert Jahren jeden Mittag ein Kanonenschuss die Stadt an die Uhrzeit erinnert. Wer nicht laufen möchte, nimmt die Zagrebačka uspinjača, eine der kürzesten in Betrieb befindlichen öffentlichen Standseilbahnen Europas – die Fahrt dauert kaum eine Minute, ersetzt aber einen steilen Fußweg zwischen Unter- und Oberstadt.
Dolac und die Unterstadt
Unterhalb der Oberstadt liegt der Markt Dolac, für viele Zagreber schlicht "der Bauch der Stadt". Zwischen roten Sonnenschirmen verkaufen Bäuerinnen aus dem Zagorje-Umland Pfirsiche, Frühkartoffeln und Blumen, direkt daneben beginnt die Fußgängerzone rund um den Trg bana Jelačića, den zentralen Platz mit dem Reiterdenkmal. Von dort führt die von Kastanien gesäumte Ilica, Zagrebs längste Einkaufsstraße, in Richtung Westen, während sich Richtung Osten der Zrinjevac-Park anschließt – Teil der sogenannten "Grünen Hufeisen"-Anlage, die der Stadtplaner Milan Lenuci Ende des 19. Jahrhunderts um die Unterstadt legte.
Mirogoj, ein Friedhof als Sehenswürdigkeit
Wer noch eine halbe Stunde übrig hat, sollte den Weg zum Mirogoj-Friedhof nicht scheuen. Die von Hermann Bollé entworfenen Arkaden mit Kuppeln und Efeu wirken eher wie ein Park mit Architektur als wie ein klassischer Friedhof und sind mit dem Bus 106 ab dem Hauptplatz in wenigen Minuten erreichbar. Ruhiger als jedes Museum, dafür mit Blick auf mehr als hundert Jahre Stadtgeschichte.
Anreise, Kosten und praktische Fragen
Direktflüge aus Deutschland
Von Frankfurt fliegt Lufthansa mehrmals wöchentlich direkt nach Zagreb, die Flugzeit liegt bei knapp anderthalb Stunden. Croatia Airlines verbindet München mit der kroatischen Hauptstadt, Eurowings bedient je nach Saison zusätzliche Strecken ab Düsseldorf oder Stuttgart. Wer flexibel ist, findet im Spätsommer regelmäßig Tickets deutlich unter dem, was für einen Flug an die Adriaküste zur gleichen Zeit fällig wird – schlicht, weil Zagreb touristisch nicht so stark nachgefragt ist wie Split oder Zadar.
Euro, Preise, Unterkunft
Kroatien gehört seit dem 1. Januar 2023 zur Eurozone, umgerechnet und umgetauscht werden muss also nichts mehr. Ein Kaffee in der Innenstadt kostet zwischen zwei und drei Euro, ein Hauptgericht in einem soliden Restaurant außerhalb der unmittelbaren Touristenmeile bewegt sich meist zwischen zwölf und achtzehn Euro. Für Unterkünfte lohnt sich ein Blick auf die Viertel rund um die Tkalčićeva oder in Richtung Hauptbahnhof – beide liegen fußläufig zur Altstadt, ohne die Aufschläge der unmittelbaren Lage am Trg bana Jelačića zu tragen.
Innerstädtische Wege
Die Altstadt selbst ist kompakt genug für Fußgänger, für weitere Strecken – etwa zum Hauptbahnhof oder nach Mirogoj – lohnt sich ein Tagesticket für die blauen Straßenbahnen der ZET. Wer aus dem Norden oder Süden mit dem Zug anreist, landet am Glavni kolodvor, dem Hauptbahnhof, von dem aus die Innenstadt in zehn bis fünfzehn Minuten zu Fuß erreichbar ist.
Tagesausflüge, die sich lohnen
Samobor
Keine 25 Kilometer westlich liegt das Städtchen Samobor, mit Bussen der ZET mehrmals stündlich erreichbar. Bekannt ist der Ort vor allem für die Kremšnita, eine Vanillecreme-Schnitte, die hier in mehreren Konditoreien in konkurrierenden Rezepten serviert wird – ein Streit, den man am besten selbst durch Probieren entscheidet. Der Ortskern mit der Flusspromenade entlang der Gradna eignet sich gut für einen ruhigen Nachmittag ohne festes Programm.
Plitvicer Seen
Wer mehr Zeit einplant, kann die Plitvicer Seen als Tagesausflug ansteuern, gut 130 Kilometer beziehungsweise etwa zwei Autostunden südlich von Zagreb. Der Nationalpark, seit 1979 UNESCO-Weltnaturerbe, ist im August gut besucht, weshalb sich eine frühe Anreise vor neun Uhr auszahlt, um den größten Gruppen zuvorzukommen. Organisierte Tagestouren mit Bus ab Zagreb sind eine Alternative zum Mietwagen, besonders wenn man die Rückfahrt nicht selbst übernehmen möchte.
Essen wie in Zagreb, nicht wie an der Küste
Die Küche der kontinentalen Hauptstadt unterscheidet sich spürbar von der mediterranen Küche an der Adria. Statt gegrilltem Fisch und Olivenöl dominieren hier Einflüsse aus Zagorje und Mitteleuropa:
- Štrukli – ein mit Frischkäse gefüllter Nudelteig, gebacken oder gekocht, typisch für die Region Zagorje nördlich der Stadt
- Zagrebački odrezak – ein paniertes Kalbsschnitzel, gefüllt mit Schinken und Käse, in praktisch jeder traditionellen Gostionica auf der Karte
- Grah – ein deftiger Bohneneintopf, oft mit Räucherfleisch, besonders in den kühleren Abendstunden passend
- Kremšnita aus Samobor als süßer Tagesausflug-Mitbringsel für zu Hause
Wer abends nicht in der unmittelbaren Altstadt, sondern eine Straßenbahnstation weiter isst, zahlt oft ein Drittel weniger für die gleiche Qualität – ein Effekt, der in fast jeder europäischen Hauptstadt gilt, in Zagreb aber besonders deutlich ausfällt, weil sich die Preise außerhalb der Tkalčićeva merklich normalisieren.
Ein Nachmittag im Museum der zerbrochenen Beziehungen
Gleich neben der Kirche St. Markus liegt das Muzej prekinutih veza, das Museum der zerbrochenen Beziehungen. Statt klassischer Exponate zeigt es Alltagsgegenstände, die frühere Paare aus aller Welt eingesendet haben, jeweils mit einer kurzen, oft berührenden oder unfreiwillig komischen Beschreibung der Geschichte dahinter. Es ist klein genug, um es an einem regnerischen oder besonders heißen Nachmittag komplett zu durchlaufen, und einer der wenigen Programmpunkte in Zagreb, an dem tatsächlich mehr internationale Gäste als Einheimische anzutreffen sind.
Wie viele Tage einplanen
Für die Altstadt, den Markt und ein oder zwei Museen reichen zwei volle Tage. Wer einen Ausflug nach Samobor oder zu den Plitvicer Seen anhängen möchte, sollte auf drei bis vier Tage aufstocken. Zagreb eignet sich außerdem gut als Zwischenstopp auf dem Landweg zur Adria: Statt die gesamte Strecke von Deutschland in einem Rutsch durchzufahren, lässt sich die Fahrt mit ein oder zwei Nächten in der Hauptstadt unterbrechen, bevor es weiter Richtung Küste geht. Wer im August ohnehin Richtung Kroatien unterwegs ist, verliert damit keinen Urlaubstag – nur die Warteschlange am Strand.